Tausch dein Leben

Die radikale Linke hat hierzulande ein Problem. Nachwuchs scheint Mangelware zu sein. Nicht nur die Bundeswehr leidet seit der Beendigung der Wehrpflicht an einem erheblichen Personalmangel, sondern auch anderen Institutionen wie zum Beispiel die katholische Kirche leiden unter Nachwuchsmangel bzw. die Mitglieder laufen ihnen scharenweise davon. Ein ähnliches Phänomen plagt auch die sogenannten etablierten Parteien in der Bundesrepublik. So klagen ländliche Vereine über das Fernbleiben ihrer Mitglieder, Jugendzentren erzählen von leeren Räumlichkeiten und Sportvereine kämpfen jährlich darum, ausreichend bestückte Teams melden zu können. Die natürliche Reaktion der LeserIn dürfte sein, zwischen „uns“ und den anderen genannten Spektren nicht die geringste Gemeinsamkeit feststellen zu können. Doch ganz so einfach ist die Sache leider nicht. Das Partizipieren eines vornehmlich weißen, überdurchschnittlich häufig männlichen, nicht homosexuellen Menschen der sogenannten deutschen Mittelschicht an „dem Leben da draußen“ ist trotz linker Überzeugung natürlich vollends gegeben. Spezifische Formen der individuellen Abweichung von dem gesamt Durchschnitt mit berücksichtigt und die häufige Ausnahme erwähnt, dürfen wir nun zum Punkt kommen ohne dadurch die große Zahl ebenso betroffener Personen zu erwähnen die diesem Bild nicht entsprechen (z.B. Frauen, Homosexuelle, behinderte Menschen, Zeugen Jehovas).

Die sozialpsychologische Staatsdoktrin in der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft zur Aufrechterhaltung des inneren Friedens ist das „Private“ sowie das „Delegieren“ von Verantwortung in einer unhinterfragten gesellschaftlichen Hierarchie. Verantwortung und Solidarität sind ebenso dem großen „Tausch“ am Markt unterworfen wie Gummibärchen und Autoreifen. Ein individuelles Bedürfnis für eine konkrete Gegenleistung soll bzw. ist hier über weite Strecken die Grundbedingung menschlichen Handelns. Die kapitalistische Unternehmenswelt sprudelt über mit kreativen „Teilhabe-“ und „Vorteilsformen“ beim Schaffungsprozess von Profit für die besitzende Klasse. Für die einen ist es ein sich zunehmend verschärfendes Abhängigkeitsverhältnis, Angst und soziale Repression, für die anderen offene Großraumbüros mit Chill-Out-Area, Kaffeeautomaten sowie Arbeitszeit auf Vertrauensbasis. Für jedes Spezifikum eine hoch ausdifferenzierte, an der Höhe des von Ihnen zu erwartenden Gewinnes und Wichtigkeit gemessene Maßnahme zur sozialen Disziplinierung. Die Langlebigkeit und Immanenz dieses Umstands in den staatlichen und privaten Sozialkomplexen wie Schulen, Familien, Sportvereinen sowie Subkulturen, Urlauben, Freundschaften und Arbeitswelten usw. erzieht den Menschen zur totalen Unfreiheit. Dennoch: „Bei mir ist es nicht so, Ich fühle mich gut“.

Die nüchterne Antwort auf diese Selbstwahrnehmung müsste lauten: „NEIN!“

Die gewährte Gegenleistung für das Aufgeben abweichenden Denkens ist eine narzisstische, antisoziale und schwer auf die Absicherung des eigenen Vorteils ausgelegte Denke, welche in vielen Facetten uns täglich Entscheidungen treffen lässt, und zwar nach den Kriterien: „Was ist es uns wert? Was bringt uns das? Kommen wir da nicht zu kurz? Übersieht man uns womöglich sogar?“

Die grundlegende Voraussetzung einer sozialen Revolution ist die Existenz eines Klassenbewusstseins. Das Individuum kann sich zwar als Teil einer Klasse sehen und sich somit auch durch deren organisierte Schlagkraft einen etwaigen Vorteil versprechen, jedoch fordern die realen Bedingungen eine grundlegend andere Haltung:

Opferbereitschaft, Verantwortung, Überzeugung, Demut. Die psychischen Prozesse zur Ausprägung eben genannter Eigenschaften können durch die Kenntnis der Geschichte und diverser Theorien und Fakten verstärkt, aber niemals allein dadurch erlernt werden. An die Stelle des Buches und der Schule kommt hier das ominöse Kollektiv in die Diskussion. Dieses muss gekoppelt werden mit einer anderen vielerorts schwer entstellten Begrifflichkeit – „Lernen“. Wie kann also ein Kollektiv dafür sorgen, dass es sich selbst entwickelt? Dass es also bereit ist sich als Ganzes zu überprüfen, sich zu hinterfragen und schlussendlich dazuzulernen? Das Kollektiv als Ganzes und somit auch jedes daran teilnehmende Individuum diesen Prozess zu ermöglichen scheint eine Sollbruchstelle in der Entwicklung von Kollektiven. Dies zeugt von der enormen Kraft und Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse, die stetig auf uns wirken.

Das tatsächliche Lernen über diese Verhältnisse kann zu einer Vereinfachung der zu erwartenden überflüssigen Voraussetzungen etwaiger neuer MitstreiterInnen für den unabdingbaren Kampf gegen das Böse führen. Das Ablegen des eigenen Heiligenscheins sowie der Verzicht auf sinnlose Plattitüden ohne entsprechende Haltung könnte den Verhältnissen insofern Rechnung tragen, dass es die Kämpfe wieder dort hinzubringt wo sie hingehören. In die Schulen, Universitäten und in die Betriebe. Der „Wirklichkeitsschock“ mag wohl den eingefleischten linken Szenesubjekten Schweißtropfen aus den Stirnporen treiben, ist jedoch – Achtung! – alternativlos. Eine Klassenauseinandersetzung ist von der Klasse zu führen. Die Klasse setzt sich aus der Klasse an und für sich zusammen. Davon sind wir – die radikale Linke- ein marginaler Teil. Uns unterscheidet bis auf ein paar wenig tatsächlich existierender progressive Verhaltensweisen und einer Vielzahl negativer so gut wie nichts vom Rest des Proletariats. Die immerwährende praktische Abgrenzung vom revolutionären Subjekt ist dumm. Revolutionäre Massen lassen sich nicht durch ein Wirrwarr von Meinungen in einer jederzeit integrationsbereiten Großorganisation herausbilden, welche den Gegenstand des Klassenkampfes aufgrund von vermuteter gesellschaftlicher Akzeptanz beiseite gelegt hat.

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Die revolutionäre Frage ist etwas, das konkret auf die soziale Frage ausgerichtet sein muss. Die künftigen AkteurInnen jener kämpfenden Masse sind diejenigen, die durch authentische Kollektive in Lern- und Handlungsprozesse verwickelt werden müssen nach dem sie selbst in Aktion getreten sind. Dabei sind Grundvoraussetzungen weitestgehend zweitrangig. Der Wille zu Lernen ist der entscheidende Punkt. Nicht das Lernen von einem Lehrer, einer ProfessorIn, Vater, Mutter, großer Schwester oder ChefIn. Nein. Durch eine kontinuierliche, offene, selbstkritische und der Wirklichkeit entsprechende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und durch die daraus resultierenden Handlungen in allen Bereichen des Seins kann das notwendige Rüstzeug bereitgestellt werden um die Interventions- und Bestechungsversuche des herrschenden Gegenwartsprinzips ins Leere laufen zu lassen. Links und Unten heißt nun mal: LINKS und tatsächlich unten. Eine verklärte Selbstüberhöhung entfernt und entfremdet in der selben Weise wie entsprechende Disziplinierungsmaßnahmen der herrschenden Verwertungslogik. In unzähligen Ereignissen – von der radikalen Linken ignoriert oder beiläufig wahrgenommen – fechten Menschen diesen grundlegenden Konflikt täglich aus. Wilde Streiks, tägliche Betriebskämpfe, SchülerInnen, die sich gegen die Abschiebung eines Klassenkameraden stellen, StudentInnen die Podien von reaktionären ProfessorInnen erobern, StadtteilbewohnerInnen, die mobil gegen FaschistInnen machen…

Das ideale Grundpaket an solidarischen HandlungspartnerInnen gibt es nicht. Es ist immer eine individuell problematische und einzigartige Aufgabe sich den jeweiligen Kämpfen zu stellen und dort weitestmöglich mitzuwirken. Dabei geht es nicht um Meinungsführerschaft und Avantgarde, sondern um die Verstärkung der sozialrevolutionären Positionen. Dies kann in unterschiedlichsten Ebenen und Formen geschehen. Die Verschiedenheiten der Realität macht es unabdingbar diese Verschiedenheit bedingungslos wahrzunehmen und sich nicht davor zu verstecken. Nicht davor, während dessen und danach. Nur die Aufhebung der selbstgesetzten Grenzen, sowohl physisch als auch psychisch, kann zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Totalität kapitalistischer Verwertungslogik führen.