Wilhelminismus im Internet – Die Bundeswehr in Mali

Mit Chatbot und Youtube-Serien kämpft die Bundeswehr an der Heimatfront.

Mit massenhaft Plakaten, Werbespots und Postkarten im modernen Camouflage-Polygon-Grafikdesign erobert die Bundeswehr seit 2015 den öffentlichen Raum, die Kneipen und U-Bahnhöfe Deutschlands, mit ihrer Werbeoffensive „Mach, was wirklich zählt“. Begleitet wurde diese Werbeoffensive zunächst mit der Youtube-Serie „Die Rekruten“, welche Bundeswehr-Neulinge bei ihrer Grundausbildung begleitet. Nun geht die großangelegte Propagandaoffensive der Bundeswehr in die zweite Runde.

War „Die Rekruten“ auch eine direkte Werbekampagne speziell für SchulabgängerInnen auf der Suche nach einem „Job“ – zumindest sollte das Soldatsein als normaler Job verkauft werden – verfolgt ihre neue Youtube-Serie „Bundeswehr Exclusive“ ein generelleres Ziel. Im Stile eines Graffitifilms gehalten, folgt die Serie acht bei Gao in Mali stationierten Bundeswehrsoldaten, welche dort als Teil der UN-Mission MINUSMA (Mission multidimensionelle integrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali) mit circa tausend weiteren deutschen Soldaten dort aktiv sind. Das Narrativ: Auf Einladung des Staates Mali kommt die UN, um mit militärischen Mitteln bei der Stabilisierung des Landes zu helfen. Von erpresserischen Freihandelsabkommen oder Flüchtlingsdeals spricht hier keiner.

Mittels eines Chatbots (MaliBot), welcher in Echtzeit die Geschehnisse als Nachricht oder Video aus Mali direkt per Facebook-Messenger aufs Smartphone schickt, verwickelt die Bundeswehr die BetrachterInnen ins Geschehen. Was wir vorgesetzt bekommen ist die technisch modernisierte Version wilhelminischer Kriegspropaganda, doch statt Postkarten von der Front liefert uns die Bundeswehr mit Hilfe der Düsseldorfer Werbeagentur Castenow das Spektakel direkt auf den Bildschirm. Die Bevölkerung wird wieder einmal eingeladen, sich als Teil des Kollektivs Deutschland zu fühlen. Wir sollen mitfiebern mit den Jungs und Mädels an der Front, es braucht wieder richtige Kriegsbegeisterung. Die Zeiten stehen schon länger gut für ein Rollback des Militarismus nach wilhelminischem Vorbild. Die allgemeine geschichtliche Reaktion macht ihn wieder möglich.

Lange war es verpönt, stolz auf die Bundeswehr zu sein oder ihr Tun für gut zu heißen. Kriegsbegeisterung, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit – das alles waren unangenehme Themen. Es wurde der Schein einer fortschrittlich denkenden Gesellschaft gewahrt. Doch dahinter steckte – was viele MarxistInnen sicher schon erkannt hatten – kein tatsächlich fortschrittlicher Weltgeist, sondern die Scheinpolitik und Ideologie des liberalen Bürgertums. Antirassismus, Frieden, Demokratie: alles Worte welche die Realität verstecken sollten. Dies alles freudig unterstützt durch eine viel zu sehr von den sozialwissenschaftlichen Diskursen verblendete Linke. Diese Art der Scheinpolitik, welche Frieden und Wohlstand predigt und zur gesellschaftlichen Ideologie macht, gleichzeitig aber Armee-Kontingente im Ausland verstärkt, Rassismus ignoriert, fördert oder vertuscht, Arbeitsschutzgesetze aushebelt und KapitalistInnen Milliarden durch Waffendeals verdienen lässt, hat dadurch, dass sie eben keine realen fortschrittlichen Verhältnisse auf einer materiellen Basis geschaffen hat, der politische Rechten Futter gegeben für ihr Projekt einer anti-wissenschaftlichen und reaktionären Gesellschaftstransformation.

Dass die Bundeswehr so eine Werbeoffensive benötigt, liegt an den Bedürfnissen eines Staates, der Weltmacht sein will. Es liegt daran, dass Deutschland seine Armee ausbauen muss, um den Kapital- und Warenexport auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen zu können. So eine Werbekampagne soll im eigenen Land die notwendige Rückendeckung durch die Bevölkerung absichern und die permanente militärisch-imperialistische Aggression normalisieren. Es gibt hier ein dialektisches Spiel zwischen einer gesellschaftlichen Rückwärtsentwicklung, welche aufbaut auf die Restrukturierung der Gesellschaft durch den Neoliberalismus, der bewirkt dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, vor allem das Ausbeutungsverhältnis und das Verhältnis zwischen Staat und Volk, viel mehr dem gleicht, was wir von den Anfängen des Kapitalismus kennen und dem Drang des Kapitals, nach Außen zu strömen um sich dort weitere Einflussgebiet zu erobern, dazu aber eben die Rückendeckung und das Strammstehen der eigenen Bevölkerung braucht.

Nun muss Deutschland wieder „bereit sein Verantwortung in der Welt zu übernehmen“ und das bedeutet eben, dass mit dem Wiedererstarken des Imperialismus auch der Militarismus zurück in die Metropolen kommt. Die Bundeswehr behauptete kürzlich gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass, seitdem „Die Rekruten“ auf Youtube lief, sich die Einschreibungen bei der Bundeswehr im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr um 21 Prozent gesteigert hätten. Sollte diese Zahl zutreffen ist kaum abzusehen, welche propagandistische Wirkung ihre jetzigen Youtube-Serie „Bundeswehr Exclusive“ durch ihren populistischen Produktionsstil besonders bei Jugendlichen erzielen wird. Die Auseinandersetzungen an der Heimatfront werden für uns Linke sicherlich härter und dafür sollten wir gewappnet sein. Wir brauchen eine neue, radikale und aufklärerische Offensive um der allgemeinen Reaktion den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gestern wie Heute gehören Internationalismus und Antiimperialismus zu den Schwerpunkten einer revolutionären Linken, welche noch mit dem Anspruch einer allumfassenden Gesellschaftsveränderung ins Feld zieht.