Die bayerische Räterepublik. Zwischen Utopie und Terror

Von: Vidar Lindström (@LindstromVidar)

Als Anfang November 1918 die Kieler Matrosen den Aufstand wagten, um das Auslaufen ihrer Flotte zu einer letzten – suizidalen – Schlacht im 1. Weltkrieg zu verhindern begann die Novemberrevolution. Die Arbeiter, Bauern und Soldaten hatten genug von der monarchistischen und militaristischen Führung. Die Nachricht vom Aufstand vebreitete sich wie ein Lauffeuer in Deutschland. Nur wenige Tage später kam es in Bayern zum Aufstand von Arbeiter, Bauern und Soldaten, welche es nach einem langen Kampf mit der reaktionären Sozialdemokratie schafften, eine Räterepublik zu gründen. Ihr Griff nach dem Himmel dauerte zwar nicht lange, war aber einer der erfolgreichsten revolutionären Versuche in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Am Ende konnte dies Sozialdemokratie diesen Kampf nur mithilfe der Reichswehr und der prä-faschistischen Freikorps gewinnen. In der Niederschlagung einer zweiten Räterepublik, entstand die Keimzelle des deutschen Faschismus.

Kurt Eisner

Am 7. November 1918 verjagten die bayerischen Arbeiter, Bauern und Soldaten König Ludwig III und beendeten damit die 738 Jahre alte Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie über Bayern. 60.000 Menschen versammelten sich an diesem Tag für eine Friedenskundgebung an der Münchener Theresienwieße. Es standen sich die zwei großen Fraktionen der Sozialdemokratie gegenüber: auf der der einen Seite der sozialdemokratische Reformer Erhard Auer (SPD), der versuchte die Menge mit dem Ruf nach Frieden und Reformen, u.A. für einen acht-Stunden Tag und mehr parlamentarischer Kontrolle, zu befrieden, auf der anderen Seite Kurt Eisner (USPD1 ), der die Ansicht verfolgte, dass nur eine Revolution, welche König und Kaiser absetzt und eine Volksdemokratie (einer Mischung aus Räten und Parlament) schafft, tatsächlich dauerhaft Frieden, umfangreiche soziale Reformen und damit eine langfristigen Entwicklung hin zum Sozialismus schaffen könnte.

Die Menge schritt durch die Straßen und holte, Kaserne für Kaserne, die Soldaten ab, welche nur darauf gewartet hatten, dass es endlich zur Revolution kommt. In der ganzen Stadt wurden strategische Punkte besetzt. Unter ihnen ist unter anderem der berühmte Schriftsteller, Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam. Er ist zu diesem Zeitpunkt seit ein paar Jahren schon einer der Hautprotagonisten der revolutionären Linken in Bayerns Hauptstadt München.

Abends versammelten sich die Menschen im Mathäserbräu, wo ein Arbeiter- und Soldatenrat und ein Bauernrat gegründet wurden. Sie wählten Kurt Eisner (USPD)zum Ministerpräsidenten des nun proklamierten “Freien Volksstaat Bayern”. Die Republik war ausgerufen. Die Revolution geschah ohne einen einzigen Todesfall.

König Ludwig III

König Ludwig III, tagsüber noch überrascht als ihm ein Passant zu rief: „Majestät, gengs S’ heim, Revolution is!“, floh am 8. November mitsamt Familie aus München. Am 9. November trat die neue Regierung unter Führung Kurt Eisners das erste mal zusammen. Die Anarchisten Erich Mühsam und Gustav Landauer wurden in den Revolutionären Arbeiterrat (RAR) einberufen, um dort beratend tätig zu werden. In ganz Bayern gründeten sich Arbeiter-, Soldaten-, und Bauernräte. Schon bei seiner Gründung, beschließt der Revolutionäre Arbeiterrat (400 Mitglieder), “daß ihm sozialdemokratische Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre nicht angehören dürften, damit sein Charakter als Organ der Werktätigen selbst nicht verwischt würde.”2Dieser Beschluss sicherte,dass der RAR – der zu einem Großteil aus Mitgliedern der USPD bestand – als Hauptorgan der sozialen Revolution fungierte und sich als proletarische Gegenmacht zum bayerischen Landtag entwickeln konnte.

Um der Zersplitterung der radikalen Linken entgegenzuwirken gründeten unter anderem Erich Mühsam und das spätere KPD-Mitglied Hilde Kramer, Ende November die „Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns. Neben der USPD, wurde diese eine der einflussreichsten linksradikalen Organisationen abseits der Räte. In ihrem ersten Flugblatt machten sie klar:

Wir sind nicht zufrieden mit der Beschränkung der revolutionären Forderungen auf politische Angelegenheiten. Wir verlangen die Verwirklichung des Sozialismus als Krönung der gegenwärtigen Volksbewegung. Das Ende des Weltkrieges bedeutet zusammen mit der Weltrevolution den Zusammenbruch des Kapitalismus. Auf seinen Trümmern wollen wir nicht altes zu retten suchen, sondern neues aufbauen. Wir blicken nicht auf den Weg, sondern aufs Ziel. Das Mittel der Revolution heißt Revolution. Das ist nicht Mord und Totschlag, sondern Aufbau und Verwirklichung.“3

Räterepublik oder Parlamentarische Demokratie

Durch direkte Aktionen, versuchten sie die Revolutionsbewegung weiter Richtung Sozialismus zu treiben. So kam es in den Monaten Dezember und Januar immer wieder zu Konfrontationen zwischen Linksradikalen um die „Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns“, Kurt Eisner und der Regierung. So setzte sich Eisner trotz antisemitischer und nationalistischer Hetze gegen seine Person für die absolute Freiheit der bourgeoisen Presse ein. Die linksradikalen Kräfte, hielten dies aber für gefährlich, da man so der Konterrevolution erlauben würde ungehindert die Revolution zu sabotieren. So kam es, dass Mühsam und Co. nach einem antisemitischen Hetzartikel gegen Eisner und die Revolution, die Räume des „Bayerischen Kuriers“ besetzten und auf dessen Titelseite die Zeitung für sozialisiert erklärten und die Abtretung Erhard Auers als Innenminister forderten. Nach persönlichen Verhandlungen mit Kurt Eisner wurde die Besetzung aufgegeben. Nur wenige Tage später fand die Gründungsversammlung des Münchener Spartakusbundes unter der Führung Max Leviens statt. Auch sie forderten ein entschiedeneres Vorgehen gegen jegliche Konterrevolutionäre.

Erich Mühsam

Indes verschwor sich die Sozialdemokratie mit der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft. Ende Dezember sollte es einen Putsch gegen die Revolution geben, die Anstifter dessen, konnten aber schon vorher verhaftet werden. Erhard Auer, ein Unterzeichner des Aufrufs zum Putsch, (welcher der Revolution von Anfang an feindlich gegenüber stand, aus taktischen Gründen von Eisner aber zum Innenminister erklärt wurde), zwang den Ministerpräsidenten dazu, endlich einen Termin für eine offizielle Wahl zum Landtag verkünden zu lassen. Das Ziel der Sozialdemokratie war es, endlich ein offizieles Parlament zu konstituieren, um den Spuk von der Räterepublik schnellst möglich zu beenden. Im Januar sollte gewählt werden.

Doch noch davor überschlugen sich die Ereignisse. Anfang Januar gründet sich die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), an ihrer Spitze zwei Freunde Kurt Eisners; Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Nur wenige Tage später kam es in Berlin zum Spartakusaufstand. In Berlin begegneten sich die Kräfte der Revolution, welche konsequent für eine Räterepublik und für Sozialismus standen und die reaktionäre Sozialdemokratie, welches ein Parlament durchsetzen wollten, dass Deutschland beherrschend sollte, in bewaffneten Straßenkämpfen. Die SPD hatte sich wiedereinmal mit den alten militaristischen Eliten verschworen.

Um etwaige Störaktionen zur Wahl zu unterbinden, lies Eisner am 10. Januar ein Dutzend Mitglieder der KPD und des „Revolutionären Arbeiterrat“ verhaften, unter ihnen auch Mühsam und Levien. Eine Massendemonstration konnte aber ihre sofortige Freilassung erwirken. Als dann am 12. Januar in Berlin die Januarkämpfe ihr Ende fanden und die Anführer des Spartakusaufstandes abtauchten um der Verfolgung zu entgehen, wählten in Bayern die Menschen den Landtag.

Dies war das erste mal, dass auch Frauen wählen durften. Denn die Revolution hatte das allgemeine Wahlrecht eingesetzt. Die Wahlergebnisse waren niederschmetternd. Die USPD, welche hinter der Revolution stand, verlor deutlich. Die SPD und andere bürgerliche Parteien konnten große Wahlsiege verzeichnen. Anarchisten und Kommunisten hatten die Wahl boykottiert.

Als sei das noch nicht genug, erreichte am 15. Januar die Nachricht von der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Bayern. Die Revolution scheint endgültig verloren zu sein. Der berühmte bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf erinnerte sich wie folgt an diese Tage:

»Idioten!« rief ich beim Durchlesen der empörten Artikel über Liebknechts und Rosa Luxemburgs Ermordung: » Da schreien sie jetzt von Bluthunden und Mördern! . . . Noske ist bloß konsequent! Die Spartakisten predigen andauern die Eroberung der Macht durch Waffengewalt, aber wenn gegen sie wer kämpft und sie besiegt, heißen sie´s Verbrechen! Wer Kampf will, kann sich doch nicht beklagen, daß der Gegner auch kämpft!«“4

Oskar Maria Graf

Der Wahlverlust der USPD verdeutlicht, dass ein großer Teil der bayerischen Bevölkerung nicht hinter der Revolution stand, sondern lediglich die Rückkehr zur Ordnung wollte. Die Januarkämpfe in Berlin verstärkten diesen Drang. Die Menschen waren den Krieg und das Töten leid, sie wollten endlich Ruhe und Ordnung, Frieden und Wohlstande. Die Sozialdemokratie und die Bayerische Volkspartei (BVP)5 schienen die einzigen Kräfte zu sein, welche das durchsetzen konnten. Aber die aufständischen Arbeiter und Soldaten wollten nicht hinter die Revolution zurück. So kam es zur Massendemonstration auf der Theresienwieße, bei welcher die Ausrufung einer Rätedemokratie gefordert wurde. Im Anschluss wurde aber lediglich ein Rätekongress gegründet.

Die Räterepublik(en)

Kurt Eisner hatte vor als Konsequenz aus dem Wahlverlust abzutreten. Auf dem Weg zum Landtag, wurde er jedoch vom völkischen Nationalisten Anton Graf von Arco auf Valley erschossen. Die Landtagssitzung brach in Tumult aus. Die SPD wurde verdächtigt hinter dem Attentat zu stehen, Schüsse fielen, zwei weitere Menschen starben. Die SPD gründete darauf einen Zentralrat, der die provisorische Regierung unter Ernst Niekisch (SPD) übernahm. Die Arbeiter vermuteten einen Putschversuch gegen die Revolution und riefen den Generalstreik aus. Daraufhin wurde über München der Belagerungszustand verhängt.

Der Rätekongress lehnte jegliche Neuwahl und eine mögliche Koalition aus SPD, USPD und dem liberalen „Bayerischen Bauernbund“ ab. Am 17. März wählte der bayerische Landtag Johannes Hoffmann (SPD) zum Ministerpräsidenten. Die Auseinandersetzungen um die Frage „Räte oder Parlament?“ verschärften sich. Mehr den je schien die Lage für die Anhänger der Räterepublik düster. Dies änderte sich wiederum schlagartig, als es Ende März die Ungarischen Räterepublik unter Béla Kun ausgerufen wurde. Die Bewegung für eine Räterepublik bekam wieder Aufschwung.

Es wurde gehandelt. Anfang April wurde die „Erste Münchener Räterepublik“ ausgerufen. Ihr Zentralrat wurde von Anarchisten und Intellektuellen dominiert. Die Koalition der Regierung zerbrach, da die USPD austrat. Der Rest der Regierung floh ins fränkische Bamberg und bildete dort eine Exil-Regierung. Ein von ihr gebilligter Putschversuch des Militärs gegen die Räterepublik wurde von Rotgardisten unter Rudolf Egelhofer (KPD) niedergeschlagen.

Der Zentralrat der Räterepublik schien jedoch unfähig zu handeln, so setzten die Kommunisten diesen ab. Die erste Räterepublik scheiterte nach wenigen Tagen, die Kommunisten sahen sich am Zug. Sozialisierungen von Zeitungen und Betrieben und ein Verbot konterrevolutionärer Propaganda wurden durchgesetzt. Eine Rote Armee mit mehreren zehntausenden Mitgliedern wurde unter der Führung Egelhofers gebildet.

Erich Mühsam hielt 1920 in einem „Rechenschaftsbericht“ an Lenin fest, dass die Gründung der ersten Räterepublik zu verfrüht war und es davor noch einige wichtige Maßnahmen zu ergreifen gegeben hätte. Das die Kommunisten an der Macht gekommen waren, löste bei der Bourgeoisie Panik aus. Völkische Studenten organisierten Freikorps um sich dem militärischen Kampf gegen die Räterepublik anzuschließen. In Dachau, jenem später historischen Ort der nationalsozialistischen Barbarei, gelingt es den Rotgardisten noch die Freikorps zurück zuschlagen. Am 17. April beschloss der SPD Reichswehrminister und Arbeitermörder Gustav Noske den Einsatz von Reichswehrverbänden gegen München.

Rote Armee am Münchener Hauptbahnhof

Die ersten Erfolge der Reaktionären kamen dann ab dem 30. April. Bei heftigen Kämpfen in den Vororten Münchens kam es zu grausamen Massakern der Freikorps an Angehörigen der Roten Armee der Räterepublik und unbeteiligten Zivilisten. Rotgardisten töteten darauf 10 gefangen gehaltene Geiseln – vor allem Mitglieder der antisemitisch-völkischen Thule-Gesellschaft6. Dass es sich dabei nicht um „unschuldige“ Opfer handelte, die dem „roten Terror“ zum Opfer fielen, zeigt die Geschichte. Dieser antisemitische, völkische Geheimbund nutzte jede Gelegenheit um gegen die verhasste Republik zu intrigieren, gründete die DAP (Deutsche Arbeiter Partei) deren Propagandachef Adolf Hitler sie später zur NSDAP weiterentwickelte. Trotzdem geistert diese Begebenheit weiter als „Beweis” für den „roten Terror“ durch die Geschichtsbücher.

Gustav Landauer

Am 1. Mai, wurde Gustav Landauer von Freikorps verhaftet und am darauf folgenden Tag im Gefängnis München-Stadelheim misshandelt und ermordet. Reichswehr und Freikorps nehmen München ein und beenden gewaltsam die Räterepublik.

In den Monaten Mai/Juni wurden die meisten führenden Mitglieder der Räterepublik von Standgerichten nach Hochverratsprozessen zu langen Haftstrafen (Ernst Toller: 5 Jahre; Erich Mühsam: 15 Jahre7) – oder zum Tode verurteilt (Hinrichtung Eugen Levinés (KPD) am 5. Juni). Einzig Max Levien gelingt die Flucht. Über 2000 (vermeintliche) Anhänger der Räterepublik werden erschossen oder zu Haftstrafen verurteilt. Ende Mai kam es zur Neubildung der Koalitionsregierung unter Johannes Hoffmann, nun aber unter der Einbeziehung konservativer Parteien, wie der Bayerischen Volkspartei. Am 11. August trat die Verfassung der Weimarer Republik in Kraft. Am 15. September die Bamberger Verfassung für Bayern.

Freikorps, rechte Verbände und Reichswehr, bekamen monatelange freie Hand durch die SPD geführte Regierung. Ihnen wurde die gnadenlose Verfolgung (vermeintlicher) Revolutionäre überlassen. Sie verübten grauenhafte Massaker und Verbrechen, an deren Ende München – gesäubert von den “Volksfeinden” – zur Hochburg der völkischen und antisemitischen Bewegung wurde. Es dauerte bis zum 1. September, bis der Kriegszustand über München aufgehoben wurde. Rechtsradikale Kräfte breiteten sich ungehindert aus. Dies war der Beginn einer Katastrophe die im Faschismus und im Zweiten Weltkrieg enden sollte. München wurde “Hauptstadt der Bewegung”.8


1 Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Abspaltung der SPD.

2Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayerischen Räterepublik. Ansbach 1920.

3Zitiert nach: Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayerischen Räterepublik. Ansbach 1920.

4Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. List Taschenbuch, Berlin 2010, S. 400f

5Die BVP war der politische Arm des ländlichen Katholizismus und der bayerischen Bourgeosie. Bei den Wahlen kamen sie auf 35 Prozent der Stimmen.

6 Diese sollte später mit ihren über 1500 Mitgliedern eine Basis für die NSDAP werden. Der Nationalsozialistische Gruß und das Hakenkreuz als Adaption der völkische Rechten haben hier ihren Ursprung.

7 Erich Mühsam wir nach acht Jahren Festungshaft in Ansbach entlassen und geht nach Berlin, wo er bis zum Ende als Mitglied der Roten Hilfe versucht undogmatische revolutionäre Politik voran zu bringen. 1934 wird er im KZ Oranienburg ermordet.

8Bezeichnung Adolf Hitlers für München, da München zur Hochburg der Nationalsozialisten und sonstiger völkischer Antisemiten geworden ist.