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Interview

Interview mit SchülerInnen gegen Abschiebung zum Widerstand Mai31

Am Morgen des 31. Mai, versuchte die Polizei Mittelfranken, den Berufsschüler Asef von der Schule heraus zu depotieren, um ihn dann in Frankfurt am Main in den Abschiebeflieger nach Kabul zu setzen. Einige MitschülerInnen entschlossen sich spontan die Polizeiautos zu blockieren, ihrem Widerstand schlossen sich im laufe der nächsten Stunden hunderte weitere an, nur durch massive Gewalt, schaffte es die Polizei und das bayerische USK, die friedliche Blockade zu brechen.

Dutzende Videos im Netz über die Gewalteskalation der Polizei gegen die AbschiebegegnerInnen, ein Bombenanschlag der Taliban in Kabul, welcher die deutsche Botschaft zerstörte und eine schon im Vorhinein hitzig geführte Debatte über Abschiebungen nach Afghanistan, schufen an diesem Tag eine Situation, einen Aufschrei, der das politische Personal in Deutschland hart traf.

Der entschlossene Akt echter Solidarität einiger weniger hat es geschafft das Deportationsregime Deutschland zumindest teilweise ins Wanken zu bringen. Abschiebungen nach Afghanistan, sind seitdem, bis auf weiteres ausgesetzt.

Der politische Widerstand der BerufsschülerInnen zeigt, dass es oft für erfolgreichen Widerstand nicht mehr braucht, als eine passenden Situation und entschlossenes Handeln, um die Rebellion im Alltag wirksam zu machen. Wir brauchen echte Solidarität, eine die uns dazu bringt uns in die Auseinandersetzung zu werfen, um unseren Wunsch nach einer solidarischen Gesellschaft sichtbar zu machen.

Wir haben uns mit SchülerInnen gegen Abschiebung unterhalten, einer Gruppe von BerufsschülerInnen, welche am Nürnberger Berufsschulzentrum aktiv gegen Abschiebungen vorgeht und maßgeblich die Stimmung geschaffen hat, aus der heraus es möglich war die Abschiebung von Asef zu verhindern.

AM: Auch zwei Monate nach den Vorfällen rund um die versuchte Abschiebung an eurer Schule wird noch über die Blockaden und die Polizeigewalt gesprochen und gestritten. Das bayerische Innenministerium ist verzweifelt bemüht, seine Version der Ereignisse in die Welt hinaus zu blasen. Ihr seid an der Berufsschule 11 in Nürnberg als SchülerInnen gegen Abschiebung organisiert. Wie habt ihr die Situation an jenem Mittwoch erlebt?

SgA: Durch die Kundgebung, die wir am Mittwoch zuvor ab gehalten hatten, war es noch absurder, dass versucht wurde jetzt tatsächlich schnell und möglichst unauffällig einen Mitschüler aus dem Schulgebäude heraus nach Afghanistan zu deportieren. Wir haben es ja auch nur zufällig mitbekommen und so spontan und entsetzt begonnen die Abschiebung zu dokumentieren und zu kommentieren und anschließend zu blockieren. Die zwischenzeitige Euphorie über all die Unterstützer und die erfolgreiche ausdauernde Blockade wurde schnell wieder von Entsetzen abgelöst als das USK die Situation endgültig eskalierte und wahllos Gewalt ausübte um Asef wegzubringen. Danach war die Situation so aufgeladen, dass sich noch eine Spontandemo zum Einwohnermeldeamt in Bewegung setzte, weil niemand die Situation so stehen lassen und in Kauf nehmen wollte, dass die todbringende Abschiebung tatsächlich einfach so brutal durchgesetzt werden sollte.

AM: Nun waren die Berichte der bürgerlichen Medien anfangs auf eurer Seite, später griffen sie vermehrt die Behauptungen der Polizei und des Innenministeriums – allen voran des Innenministers Joachim Herrmann (CSU) – auf, wonach die Situation erst eskaliert sei, als Autonome die Polizei angegriffen haben sollen. Bilder und Videos beweisen aber eindeutig das Gegenteil. Wie hat sich das auf die Solidarität Außenstehender euch gegenüber ausgewirkt? Wie verhalten sich eure MitschülerInnen und LehrerInnen euch gegenüber, erfahrt ihr viel Solidarität?

SgA: Man hat nicht das Gefühl, dass sich Menschen, die direkt an der Aktion beteiligt waren oder in der Nähe waren, von dem Versuch der Rechtfertigung durch Polizei und Innenministerium beirren lassen. Die Unterstützung der Mitschüler*innen und Lehrer*innen hat sich nicht verändert, auch wenn natürlich im weiteren Prozess Differenzen in politischen Meinungen auftauchen.

Auch aus weiteren Kreisen kam und kommt viel Unterstützung. Beispielsweise hat eine Gruppe von Pflegeeltern von unbegleiteten Geflüchteten Kuchen für uns gebacken und einen Vormittag mit uns in der Schule gestaltet um sich bei uns zu bedanken. Das hat uns sehr gerührt. Auch von politischen Aktionsgruppen aller Art haben wir sehr viel Solidarität erfahren.

AM: Am Freitag danach, ward ihr mit 700 anderen auf der Straße, die sich mit euch und der Aktion solidarisierten. Unter ihnen waren auch viele Linke und Linksradikale. Wie seht ihr die Teilnahme so vieler Linker, in Hinblick auf die Versuche des Innenministeriums, euren Widerstand gegen die Abschiebung und die eskalierte Polizeigewalt den Autonomen in die Schuhe zu schieben?

SgA: Wir wissen ja was passiert ist, deshalb beeinflusst uns die Darstellung von außen wenig. Und auch wenn es Leute innerhalb der Bewegung gibt, die unterschiedliche Meinungen haben werden, steht im Vordergrund, den Konsens zu finden, unter dem man gegen die Abschiebepolitik vorgehen kann. Wir sind dankbar für alle, die sich an diesem Protest beteiligen. Es ist ganz wichtig, Vorurteile in beiden Gruppen abzubauen und ins Gespräch miteinander zu kommen. Ich denke nämlich, dass es trotz allem Vorurteile Linker gegenüber unpolitischeren Schüler*innen und umgekehrt gibt. Dabei sind wir ja alle handelnde Menschen und versuchen hier eine neue Protestform und Aktion ins Leben zu rufen. Von dem politisch motivierten Spaltungsversuch von außen lässt sich hier niemand leiten.

AM: Eine Woche vor der versuchten Abschiebungen eures Mitschülers, habt ihr bereits eine Kundgebung mit 200 TeilnehmerInnen vor eurer Schule abgehalten, auf der ihr klar gemacht habt, dass es mit euch keine Abschiebungen von eurer Schule geben wird. Wie kam es dazu, dass ihr beschlossen habt an eurer Schule aktiv zu werden? Auch die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), der Bayerische Flüchtlingsrat und das Bündnis „Fluchtursachen bekämpfen“ hatten sich beteiligt, welche Rolle spielt die SMV und die Lehrerschaft beim Thema Abschiebungen von Schulen?

SgA: Der endgültige Ausschlag war der Beginn der Abschiebeflüge. Als individuelle Personen haben sich einige von uns auch schon vorher mit den Themen beschäftigt, aber dadurch haben wir uns öfter getroffen und ausgetauscht und überlegt, wie wir die Sache angehen könnten. Mitglieder der SMV waren daran auf jeden Fall beteiligt, aber eher als Einzelpersonen. Auch von den meisten der Lehrerschaft kam positives Feedback. Aber um wirklich aktiv zu sein, braucht es einfach eine organisierte Gruppe an jeder Schule, das hat wenig mit den schulinternen Strukturen zu tun.

AM: Am Samstag vor dem Abschiebeversuch haben 400 Menschen unter dem Motto: Abschiebungen verhindern! Asylrecht zurückerobern! In Nürnberg demonstriert. Aufgerufen hatte das Bündnis „Fluchtursachen bekämpfen“. Auch der bayerische Flüchtlingsrat, GEW, autonome Gruppen, linke Parteien und Initiativen haben sich beteiligt. Wie schaut eurer Zusammenarbeit mit dem bayerischen Flüchtlingsrat oder dem Bündnis „Fluchtursachen bekämpfen“ aus?

SgA: Wir stehen mit beiden im Austausch und unterstützen uns gegenseitig.

AM: OK. Zwei Fragen zum Schluss. Entgegen der Behauptung des Innenministeriums, dass sich die BerufsschülerInnen korrekt verhalten hätten und gegen sie nicht ermittelt würde, wurden bereits die ersten SchülerInnen polizeilich vorgeladen. Viele Anzeigen und Vorladungen wurden bereits verschickt, einer der am 31. Mai Anwesenden wurde vor Ort festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Wie schaut die konkrete Solidarität aus, die hierzu geleistet wird?

SgA: Die Anzeigen sind eine komplette Farce, eben gerade auch, dass sich jetzt selbst widersprochen wird und auch Anzeigen an Schüler*innen gehen, zeigt, dass den getroffenen Aussagen der Polizei kein Vertrauen zu schenken ist und lediglich versucht wird, auf irgendeine Art und Weise den verhältnislosen Einsatz zu rechtfertigen und die Menschen einzuschüchtern.

Wir sind in dem Bündnis Widerstand Mai31 organisiert, dass sich eben mit der Solidaritäts- und Antirepressionsarbeit auseinandersetzt. Geplant sind als nächstes eine Pressekonferenz und eine Kundgebung für den in U-Haft Sitzenden. Gespendet werden kann über die Rote Hilfe OG Nürnberg.

AM: Die Sommerferien haben angefangen, es wird also erst einmal keine Aktionen an der Schule geben, was plant ihr zurzeit an Aktivitäten und wie habt ihr vor, nach den Ferien wieder aktiv zu werden? Gibt es den Versuch, den Widerstand gegen Abschiebungen auf andere Schulen auszuweiten, immerhin haben sich an der Blockade viele SchülerInnen anderer Schulen beteiligt?

SgA: Der Wunsch ist auf jeden Fall, die Bewegung auf das Nürnberger Land und weiter auszuweiten. Dafür sind alle eingeladen sich im Bündnis Jugendaktion Bildung statt Abschiebung (JaBA) einzubringen. Man findet uns, genauso wie Widerstand Mai31, auch auf Facebook. Auch dadurch, dass wir nächstes Jahr teilweise an andere Schulen gehen, können wir dort die Arbeit weiter verbreiten. Ansonsten wollen wir einsatzbereit bleiben um auch in den Ferien bei Abschiebungen einschreiten zu können. Dafür gibt es ein Telefon.

Insgesamt wird auch auf einen größeren Bildungsstreik hingearbeitet und im September werden wir Teil der Antirassistischen Parade /commUNITY-Carnival in Berlin am 16. September sein.

Mehr von SchülerInnen gegen Abschiebung, dem Bündnis Jugendaktion Bildung statt Abschiebung und dem Solidaritätsbündnis Widerstand Mai31 findet ihr auf Facebook. Spendet für die Antirepressionsarbeit an:

Rote Hilfe OG Nürnberg
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Kennwort: 31.Mai