„Ein weltweiter Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus“

Für Leyla Güven und Abdullah Öcalan – Warum deutsche Linke an einem Solidaritätshungerstreik mit der kurdischen Bewegung teilnehmen. Gespräch mit Klara und Hannes vom Widerstandskomitee Berlin

Ihr nehmt an einer für die deutsche Linke eher ungewöhnlichen Aktion teil: einem Hungerstreik. Warum?

Klara: Weltweit sind 7000 Menschen derzeit in einem unbefristeten Hungerstreik, den die HDP-Politikerin Leyla Güven im vergangenen November im Gefängnis in Amed/Diyarbakir begann. Die Forderungen der Hungerstreikenden sind klar und umsetzbar: Es geht darum, die Isolationshaft von Abdullah Öcalan zu beenden. Nur so sind auch Gespräche über das Ende des Krieges in Kurdistan möglich.

Hannes: Wir verstehen den Kampf der kurdischen Bewegung als Teil eines weltweiten Kampfes gegen Imperialismus und Kapitalismus. Schon darum ist er auch unser Kampf. Deshalb haben wir uns entschieden, ein starkes Zeichen der Solidarität zu senden, indem wir diese Aktionsform wählen. Für mich war die Entscheidung, selber in einen befristeten Hungerstreik zu treten, einfach ein Zeichen, dass auch wir hier bereit sind, einen Schritt in praktischer internationalistischer Solidarität weiter zu gehen. Hungerstreiks in Deutschland in den letzten Jahren waren größtenteils von migrantischen Linken getragen. Warum sollen nicht auch wir uns einmal so einer Aktionsform anschließen?

Klara: Wir wollen den Hungerstreikenden zeigen, dass wir sie sehen, unterstützen, an sie denken. Dass ihr Kampf auch unser Kampf ist. Ich hatte ein starkes Bedürfnis, irgendetwas zu machen, was an diese Aktion der 7000 Gefangenen anknüpft. Und ich wollte Teil davon sein.

Kreuzberg gilt ja als ein Bezirk, in dem es sowohl viele türkische und kurdische Linke wie auch viele türkische Faschist*innen gibt. Wie war bislang die Reaktion der Anwohner*innen?

Klara: Die Reaktionen waren oft sehr gut, viele haben Unterstützung angeboten, gefragt, wie sie selber helfen können. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Einige gab es, die offenkundig feindselig waren. Das waren aber sehr wenige. Und davon lasse ich mich nicht entmutigen.

Hannes: Wir freuen uns über die breite Solidarität der Anwohner*innen. Ansonsten ist es bezeichnend, dass wir immer wieder mit Menschen diskutieren, die gar keine Wahrnehmung der Situation in der Türkei haben. Sie wissen nichts von den Hungerstreiks. Das ist auch ein Ausdruck des Schweigens der deutschen Medien.

Nun ignorieren die deutschen Medien, zumindest die größeren, ja nicht nur eure Aktion, sondern auch die viel größere, den Hungerstreik der 7000 kurdischen Aktivist*innen. Woran liegt das eurer Meinung nach?

Hannes: Insbesondere der deutsche Staat hat eine enge strategische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Türkei und setzt auch hier eine starke Repression gegen die kurdische Bewegung durch. Die großen Medien tragen das mit und machen den kurdischen Kampf in Deutschland unsichtbar.

Klara: Auch ideologisch ist die kurdische Bewegung für den deutschen Staat eine Gefahr, denn sie zeigt, dass ein basisdemokratisches, ökologisches und auf Gleichheit basierendes Zusammenleben möglich ist. Und dass die Scheindemokratie hier nicht alternativlos ist.

Hannes: Die Kurdenfrage wird in Deutschland in den Medien vorwiegend als ein Problem von „Ausländer*innen“ wahrgenommen und keine Verbindung zu den hunderttausenden Kurd*innen in Deutschland hergestellt. Und obwohl die Ideologie der Bewegung und insbesondere die Revolution in Rojava für viele Menschen inzwischen Hoffnung und Beispiel ist, findet auch diese in den Medien kaum Platz.

Was erhofft ihr euch von dem Hungerstreik?

Klara: Wir wollen den Freund*innen im Hungerstreik ein Signal senden, dass wir versuchen, diesen Kampf mit ihnen gemeinsam führen.

Hannes: Bisher sind auch hier kaum Medien aufgetaucht. Wir haben aber auch nichts anderes erwartet. Deshalb verteilen wir tausende Flugblätter, führen Gespräche und wollen das Wissen um die Revolution in Kurdistan weiter in die deutsche Gesellschaft tragen – egal, wie sich Politik und große Medien verhalten.

Interview: Hubert Maulhofer, Lower Class Magazine