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Diskussion

Das Universelle durch das Einzelne konstruieren

Schweden wird oft als eine Art tatsächlich existierende kapitalistische Utopie beschrieben: angeblich gleich, fortschrittlich, ökologisch und feministisch. In diesem Text zeigen wir, dass die schwedische Gesellschaft nichts Nachahmenswertes ist. Gleichzeitig fragen wir uns, was es bedeutet, im (vermeintlichen) Wohlfahrtskapitalismus zu kämpfen. Wir machen das durch eine Erläuterung unserer Projekte und Theorien in Bezug auf die aktuellen Kämpfe in Schweden, da wir glauben, dass das der beste Weg ist, unsere Situation zu erklären.

Wir, die Verfasser dieses Textes, sind eine kleine Gruppe aus der Universitätsstadt Lund bei Malmö, Autonom Organisering. Wir arbeiten zu Themen rund um Feminismus, Klassenkampf, Theoriearbeit und mehr. Wir legen großen Wert auf unsere internationalistische Arbeit, da wir versuchen, eine Bewegung über und gegen Grenzen und Nationalstaaten hinweg zu erlernen und zu entwickeln. Wir sind mit GenossInnen in Finnland, Dänemark, Norwegen und dem Rest Schwedens in der „Autonomous Revolutionary Nordic Alliance“ (ARNA) organisiert, die im Vorfeld des G20-Gipfels 2017 in Hamburg gegründet wurde.

Inspiriert sind wir von den Erfahrungen der Autonomia in Italien und dem Bestreben, Kommunismus durch proletarische Autonomie und Selbsttätigkeit (der Arbeiterklasse Anm.d.Übers.) zu schaffen. Es sollte beachtet werden, dass das Wort „autonom“ bei uns nicht genau die gleiche Bedeutung wie im Deutschen hat. Für die meisten GenossInnen der außerparlamentarischen Linken in Schweden ist es lediglich eine Selbstbeschreibung. Die Idee, „post-autonom“ im Gegensatz zu autonom zu sein, kommt im Diskurs der radikalen Linken in Schweden nicht wirklich auf.

Im Moment halten wir die Situation in Schweden für oberflächlich ruhig, aber unter dieser Oberfläche gibt es sehr wichtige Entwicklungen. Die jüngsten Wahlen sind ein Zeichen dieses Wandels. Früher gab es zwei klare Blöcke – einen linken und einen rechten. Jetzt, da die faschistischen Schwedendemokraten 17% einnehmen, gibt es keinen Block mehr, der eine klare parlamentarische Mehrheit bilden kann. Stattdessen wurde zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder eine Regierung aus Sozialdemokraten und Grünen gebildet, die von zwei liberalen Parteien unterstützt wird. Eine angeblich „antifaschistische“ Regierung, in dem Sinne, dass sie den Schwedendemokraten keinen Einfluss gibt. Das Programm dieser neuen Regierung ist eindeutig neoliberal – mit immensen Einschnitten in das bereits geschädigte Sozialhilfesystem, den Umweltschutz aber der Fortsetzung rassistischer Politik gegenüber MigrantInnen.

Die Sozialdemokraten haben dieser neuen Regierung den Weg bereitet. Sie verrieten ihre Wahlversprechen von Initiativen in der Sozialhilfe, um an der Macht zu bleiben. Die Sozialdemokraten sind im Grunde genommen die Schöpfer des modernen schwedischen Staates; regierten 59 von 68 Jahren im Zeitraum 1932 – 2000. Das bedeutet, dass sie einer unserer größten Feinde sind. Somit ist es von größter Bedeutung, zu verstehen, was Sozialdemokratie und Reformismus ist, um einen politischen Bruch artikulieren zu können, der es uns ermöglicht, einen revolutionären Weg nach vorne zu gehen und wirklich eine bessere Gesellschaft zu schaffen und nicht nur einen etwas besseren Kapitalismus. Aus diesen Gründen konzentriert sich dieser Text auf die Sozialdemokratie in Bezug auf Klasse, Kapital, Staat und Gender.

Geschichte

Um zu verstehen, wo wir stehen, müssen wir uns ansehen was sich zuvor ereignet hat. Wir haben einen Text namens „En gnistrande väv – arbetsplatsreportage från det kämpade 60/-70-talet“ geschrieben, was übersetzt bedeutet: „Ein funkelndes Geflecht – Arbeitsplatzberichte in den kämpfenden 60er und 70er Jahren“ (obwohl die englische Übersetzung den Verweis auf ein berühmtes Lied der linken Musikströmung „Progg“ namens „En gnistrande väv“ verbirgt), in dem wir vergessene Arbeitsplatzberichte, die vor dreißig, vierzig Jahren von linksgerichteten Intellektuellen verfasst wurden, wieder veröffentlicht haben. Diese Berichte entstanden alle in der Blütezeit der Sozialdemokratie. Die Löhne stiegen, es gab Vollbeschäftigung (definiert als 2% oder weniger), die Regierung startete das „Millionenprojekt“, bei dem eine Millionen Wohnungen und Häuser gebaut wurden. Olof Palme, der berühmte Premierminister, verurteilte den Vietnamkrieg. Das alles hängt mit dem fordistischen Akkumulationsregime zusammen, das damals im ganzen globalen Norden hegemonial war. Dieses schließt sowohl die oben genannten Arbeitslage, als auch die Einfuhr ausländischer Arbeitskräfte und die rassistischen Trennung zwischen diesen und den einheimischen ArbeiterInnen ein und die Kernfamilie als Konsumeinheit und damit die geschlechtsspezifische Arbeit von Frauen innerhalb und außerhalb der Familie.

„Aber warum sollten die Menschen versklavt werden? Das bessere Leben, das wir bekommen… Ich glaube nicht, dass mich all der Wohlstand, den ich bekommen kann, glücklicher macht… Wir Arbeiter werden alle ausgepresst… Wir schaffen Ressourcen… aber für wen? Wir selbst sind so gestresst, dass wir uns gehetzt fühlen, auch wenn wir schlafen. Ich kann mitten in der Nacht aufstehen und zum Bus gehen und dort warten und dann sehe ich, dass meine Uhr mir sagt, es drei Uhr morgens ist, dass ich einen Fehler gemacht habe… Es ist diese Anspannung, die man nie loslassen kann. Ist das wirklich notwendig?! Wird es so weitergehen… gerade so, dass wir leben können… gerade so, dass wir Essen und Kleidung haben. Und sonst nichts… Wir sollten auch eine schöne Zeit haben?!“

Die Berichte sind voll von Zitaten wie diesem, welche die anhaltende Plackerei der Lohnsklaverei zeigen. Obwohl sich ihre materiellen Bedingungen verbesserten, fehlte noch immer etwas. Würde, Sinn und andere existenzielle Fragen tauchen in den Berichten immer wieder auf. Wie kann man ein gutes Leben als Arbeiter führen? Selbst in der Gesellschaft mit der größten Gleichberechtigung, die je geschaffen wurde“, in den schwedischen 70er Jahren, blieben diese Fragen bestehen, weil die Grundkategorien des Kapitalismus erhalten blieben.

Damals kontrollierten die Sozialdemokraten einen riesigen Arbeitsapparat. 20.000 gewählte Ombudsleute [unabhängige Vertrauensperson, die Beschwerden von Menschen gegenüber der Verwaltung, in diesem Fall gegenüber der Arbeitgeber nachgeht, Anm.d.Übers.] und bezahlte Ombudsmänner berichteten der Partei. Sie bekämpften Kommunisten, Anarchosyndikalisten und andere radikale ArbeiterInnen, indem sie sich mit den Arbeitgebern verbündeten, bildeten ihre eigene Geheimpolizei (!), um die Welle von wilden Streiks zu brechen, welche die damalige Rebellion anheizten (von weniger als 20 Streiks in den Jahren vor ’68, auf 250 pro Jahr bis etwa 1975). Die Gewerkschaften sind schon lange zuvor in extrem zentralisierte bürokratische Einheiten verwandelt worden, in denen die Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten eine Notwendigkeit war, um in der Rangliste aufsteigen zu können (was immer noch so ist). Zu dieser Zeit gab es jedoch noch einige Aktivitäten in der Gewerkschaftsbasis, die sowohl für die Sozialdemokraten mobilisierten als auch sie zwangen, sich mit proletarischen Themen zu befassen.

Es ist klar, dass die Sozialdemokraten damals nie versucht haben, eine andere Gesellschaft zu schaffen, sondern lediglich den nationalen Kapitalismus verbesserten. In der spezifischen Form, in der der Kapitalismus in Schweden und den anderen nordischen Ländern existiert, ist die Klassendiktatur auf Teile der Arbeiterbewegung angewiesen, um ihre Mitglieder zu disziplinieren. Wir können den Sozialstaat nur verstehen, wenn wir verstehen, dass jede Reform ein Versuch des sozialdemokratisch geführten Staates war, proletarische Kämpfe zurückzugewinnen.

Heutzutage

In Schweden wich die fordistische Produktionsweise dem Postfordismus später als anderswo, aber Ende der 80er Jahre verwandelte sich der Sozialstaat in etwas, das für frühere Generationen nicht wiederzuerkennen war. In den frühen 90er Jahren zerstörten eine Wirtschaftskrise, eine rechte Regierung und Sparmaßnahmen [Austerität Anm. d. Übers.] maßgeblich die Grundlage der Wohlfahrt.

Die Grundlage für den früheren Reformismus ist längst nicht mehr vorhanden. In Schweden gibt es genau wie im Rest des globalen Nordens kein echtes (Wirtschafts-)Wachstum, nachdem Fabriken das Land verlassen haben, um die Gewinne der Kapitalisten zu schützen. Deswegen gibt es keinen Möglichkeit für Besteuerungen und aufgrund der neoliberalen Politik keine Vollbeschäftigung mehr. Einzelne werden so ohne eigenes Verschulden zur langfristigen „Belastung“ für den Staat.

Wenn die Sozialdemokratie in der Vergangenheit in der Lage war, Repression und Reform zu nutzen, um soziale Bewegungen zu vereinnahmen, hat sie diese Fähigkeit verloren. Dies ist sowohl auf die Ideologie des Neoliberalismus als auch auf die faktischen Veränderungen der materiellen Verhältnisse zurückzuführen. In Schweden gab es schon immer eine Menge Linker, die glauben, dass wir irgendwie zu den glorreichen Tagen von 1972 zurückkehren können (auch wenn dieses 1972 nur in ihrer Vorstellung existiert). Das ist unmöglich. Diese Zeit ist vorbei. Moderner Kapitalismus kann nicht auf die gleiche Weise reformiert werden wie im Fordismus. Heute ist die Klasse in eine Vielzahl von verschiedenen Fragmenten zersplittert: weiße Krankenpflegerinnen, junge, rassifizierte arbeitslose Männer, prekär lebende Stadtjugend, junge rassifizierte arbeitslose Frauen, FabrikarbeiterInnen, etc. etc. etc. Es gibt kein dominierendes Segment in der Klasse.

Der Zombie

Genau wie bei den nicht enden wollenden Staffeln von „The Walking Dead“ weigert sich auch die Sozialdemokratie zu verstehen, dass es besser wäre, wenn sie stirbt. Vor etwa einem Jahr legten die Sozialdemokraten einen Gesetzesvorschlag zur Einschränkung des Streikrechts vor und griffen damit die wenigen unabhängigen Gewerkschaften an, die nicht unter ihrer Kontrolle stehen. Sie haben es besonders auf die Schwedische Hafenarbeitergewerkschaft abgesehen, die die Mehrheit der Hafenarbeiter in Schweden organisierte.

Ein weiterer Vorschlag mit gleicher Wirkung wurde auch von den „parties of the labor market“ unterbreitet. „Arbeitsmarkparteien“ ist eine charakteristische Bezeichnung in Schweden, um die klassenkollaborierende und korporativistische Struktur, bei der sich der Arbeitgeberverband Svenskt Näringsliv (Schwedische Arbeitgebervereinigung) und die verschiedenen Gewerkschaftsbünde darauf einigen, wie der Arbeitsmarkt funktionieren soll, zu beschreiben. Diese Vereinbarung zur Aufhebung des Streikrechts wurde hinter dem Rücken der Gewerkschaftsmitglieder getroffen und zeigt, wie weit der Zentralisierungsprozess reicht. Viele Gewerkschaften hatten Kongressbeschlüsse gefasst, um sich dem ursprünglichen Streikgesetzentwurf zu widersetzen, wurden aber nun von ihrer Führung hintergangen. In diesem Zusammenhang war ARNA im August an der Initiative Strike Back in Stockholm beteiligt. Unsere Einschätzung dieses Tages könnt ihr hier nachlesen: https://www.infoarna.org/evaluation-on-tactics-and-strategy

Eine der interessantesten Entwicklungen bei Strike Back ist die der wenigen verbleibenden Gewerkschaftsaktivisten, die gegen ihre Führung rebellieren. Wir hoffen, dass dies – letztendlich – einen endgültigen Bruch mit dem zentralistischen Modell und seinen Verflechtungen mit der Sozialdemokratie bedeutet, und jede Woche scheint es dazu neue Entwicklungen zu geben. So hat beispielsweise die Gewerkschaftsführung in jüngster Zeit angedeutet, dass ihr Verhältnis zu den Sozialdemokraten neu bewertet werden muss und ein Werben um die schwedische Linkspartei rückt näher.

Was fehlt?

Einige Leute im linken Spektrum in Schweden glauben, dass Bewusstsein fehlt. Wir erleben das nicht so. Viele Menschen am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft insgesamt sind sich der Situation bewusst. Was ihnen fehlt, sind Hoffnung und Stärke. Hoffnung ist mit zwei Dingen verbunden: zum einen dem Glauben, dass unsere Kämpfe tatsächlich siegen und etwas erreichen können, und zum anderen einer umfangreiche Vorstellung von einer anderen Gesellschaft.

Hoffnung, Feminismus und was es bedeutet zu gewinnen

Unser Selbstvertrauen sowie der Glaube, dass wir tatsächlich gewinnen können, ist nach dem Erleben von dreißig Jahren verlorener Kämpfe und Repression stark angegriffen. Der Sozialstaat wurde zerlegt. In den letzten zehn Jahren haben wir gesehen, wie sich die Schwedendemokraten von einer winzigen neonazistischen Partei zu einem wahren Machtakteur entwickelt haben. Zugleich gibt es in Schweden Kämpfe, die hoffnungsvoll stimmen, vor allem den feministischen Kampf. In den letzten Jahrzehnten hat es mehrere erfolgreiche Vorstöße für den Feminismus gegeben und feministische Ideen sind heute gesellschaftlich hegemonial. Umfragen und unseren Erfahrungen zufolge sind junge Menschen in allen Gesellschaftsschichten unglaublich vielfältig und umfangreich engagiert und es gibt fruchtbare Entwicklungen für Transgender und Gesetze zur Zustimmung zum Sex (z.B. das „Einverständnis-Gesetz“, Anm.d.Übers.). Das heißt nicht, dass es keine Gewalt gegen Frauen, homophobe und transphobe Angriffe gibt, sondern dass wir den Kampf um die Hegemonie (vorerst) gewonnen haben. Dieser Kampf war ein Kampf der Frauenbewegung und der Arbeiterbewegung, wobei ein bedeutender Schwerpunkt bei den autonomen Feministinnen aus den 90er Jahren lag.

Dennoch müssen wir uns dann fragen: Was bedeutet es, zu gewinnen? Feminismus ist inzwischen zu einem hippen Thema geworden, das vom Staat entpolitisiert und vereinnahmt wurde. Viele von uns haben Jobs, bei denen wir Feminismus betreiben oder Gleichberechtigung, LGBTQIA-Rechte usw. als Teil unserer Aufgaben fördern, aber wir alle wissen, wie begrenzt, liberal und gefährlich das sein kann. Wir müssen strategisch besser planen, was wir machen, wenn wir gewonnen haben. Denn wir können uns nach einem Sieg genauso geschlagen wiederfinden wie beim Scheitern. Der feministische Kampf ist hoffnungsvoll, aber er greift nicht auf andere Themen über, weil wir nicht in der Lage sind, die errungenen Erfolge als unseren Sieg zu formulieren und auch weil andere Kämpfe anders strukturiert sind.

Kommunismus im 21. Jahrhundert

Im Fordismus hatten die Arbeiterbewegung und die ProletarierInnen, die an den Sozialismus glaubten, eine Vision von einer Gesellschaft, die mehr oder weniger auf der Fabrik basierte. Vom Anarchosyndikalismus bis zum Stalinismus war die Fabrik das Modell, auf dem wir unsere Gesellschaft aufbauen würden. Sie würde sicherlich eher schöne Dinge schaffen als Kriegswaffen, und sie wäre vielleicht weniger umweltschädlich, die rote Flagge würde vom Dach gehisst und die ArbeiterInnen (zu gleichen Teilen Männer und Frauen) würden mit einem Lächeln zur Arbeit gehen.

Aber jetzt, im Postfordismus, ist dieser Traum vorbei. Wie Motarbetaren, eine der Theoriegruppen, die uns nahesteht, sagt: Welcher Proletarier träumt davon, McDonalds zu kontrollieren? Wer will einen Sowjet in einem Call Center errichten? Die sozio-materiellen Veränderungen in der Gesellschaft haben den Sozialismus als Vision zersetzt. Deshalb glauben wir, dass wir eine andere Utopie brauchen, die zum 21. Jahrhundert passt.

Dabei sind wir inspiriert vom Technologiekongress 2016, der vom „…ums Ganze!“ Bündnis veranstaltet wurde. Dieser Kongress stellte die Frage, in welcher Art und Weise ein Kommunismus in dieser modernen, digitalisierten, automatisierten Gesellschaft, in der wir leben, zu erwägen ist. Eine Gesellschaft, die im Begriff ist, infolge von Umweltverschmutzung zu sterben, eine Gesellschaft, in der einige überarbeitet und durch Apps und digitale Kontrolle ausgebeutet werden und andere durch Roboter überflüssig werden. Eine Gesellschaft, in der sich Logistikketten über die ganze Welt erstrecken und die Macht der ArbeiterInnen untergraben. So ist Schweden beispielsweise eine der am stärksten digitalisierten Gesellschaften der Welt, in der Barzahlung schon heute nicht mehr üblich ist. Wir versuchen diese Diskussion in einem Studienprojekt fortzusetzen, das wir „Red Mirror“ nennen, und das sich inzwischen nach Stockholm ausgebreitet hat, in dem wir versuchen, uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen:

Power

Das Problem der Linken und der Arbeiterklasse ist nicht in erster Linie ein Mangel an Bewusstsein: An unseren Arbeitsplätzen ist deutlich, dass viele Menschen die Konflikte, die der Kapitalismus schafft, wirklich verstehen. Sie verstehen, was der Chef tut, sie verstehen, wie das gesamte System des Kapitals gegen sie gerichtet ist, selbst wenn sie diese spezifischen Begriffe nicht verwenden. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl von Ideologien, die bei den meisten Menschen einem revolutionären Verständnis im Wege stehen, aber es gibt zwei Probleme damit:

  1. Eine solche Sichtweise neigt dazu, die Subjekt-Objekt-Differenzierung der meisten linken Gruppen aufrechtzuerhalten, d.h.: Wir sind die Avantgarde und ihr seid unaufgeklärte Proleten, die wir retten müssen. Diese Betrachtungsweise der Klasse ist reaktionär und neigt dazu, diese bizarren, vermännlichten, manipulativen Kleinstpolitiker zu schaffen, die seltsame kleine trotzkistische Gruppen bevölkern. Die operaistische Tradition entwickelte sich aus der Idee, dass die Arbeiter Wissen haben, oft tieferes Wissen als selbsternannte Experten, und ein Teil unserer Praxis ist es, auszuprobieren und aus dem Wissen, das wir gemeinsam mit anderen entwickeln, zu lernen.
  2. Menschen verändern sich durch Erfahrungen. Und auch wenn Lesen, Schreiben und Diskutieren durchaus Erfahrungen sein können, entstehen Massenveränderungen im Klassenbewusstsein nicht durch das Lesen linker Webseiten, sondern durch die Teilnahme an Aktionen, welche die bestehenden Machtstrukturen sichtbar machen. Unser Problem ist also nicht ein Bewusstseins-, sondern ein Stärkeproblem. Es gibt keine groß angelegten Streiks mehr, und vor allem in Schweden ist das Streikniveau jetzt so niedrig wie nie zuvor (und die freien Gewerkschaften, die streiken, werden durch das neue Streikgesetz angegriffen, um auch dies zu verhindern). Das liegt an der veränderten Klassenzusammensetzung im Postfordismus, in dem wir an kleineren, verstreuteren Arbeitsplätzen arbeiten, verbunden durch lange Logistikketten. In früheren sozialistischen Überlegungen, von Marx und Engels bis Rosa Luxemburg und Anderen, ist der Streik sowohl eine Machtdemonstration für das Proletariat als auch ein Feld, um Handeln zu lernen. Hier sortierst du Verräter aus, vermittelst Menschen, wer ihr Feind ist und schaffst Klassenbewusstsein. Wenn das also mit Streik nicht machbar ist, müssen wir nach Alternativen suchen. Das Einzige, was unserer Meinung sowohl pädagogisch wirken als auch Macht schaffen kann, ist die Massenaktion. Die Stärke der radikalen Linken in Deutschland, liegt in ihrer Fähigkeit zu Militanz und Widerstand. In den nordischen Ländern jedoch, haben wir sie in geringerem Maße, aber wir haben sie noch. Wir sind jedes Mal beeindruckt von der Seriosität und Fähigkeiten dieser Masseninterventionen in Deutschland. Jüngstes Beispiel dafür ist die Massenradikalisierung in der ansonsten individualistischen und lethargischen schwedischen Umweltbewegung, die sich nach einigen Jahren der Teilnahme an „Ende Gelände“ nun zu einem interventionistischeren und kollektiveren Ansatz entwickelt.

Rechte war schon immer besser in der Lage als die Linke, Macht zu ergreifen und zu nutzen, weil sie sich nicht so sehr darum kümmern, was am nächsten Tag passieren wird. Sie haben einen längeren Plan. Die Rechte fiel in den Irak ein, während Millionen auf die Straße gingen, zerstörte den schwedischen Sozialstaat, obwohl Zehntausende im Laufe der Jahre gegen sie protestierten. Das sind vollendete Tatsachen. Die Rechte veränderte die Welt, und sie veränderte die Ideen rund um den Sozialstaat und den Irak. Wir werden natürlich nicht in eine Nation einfallen und Millionen töten, aber wir müssen strategischer dabei vorgehen, die Macht die wir haben, zu ergreifen und zu nutzen.

Unsere Macht besteht vor allem darin, die Logistik des Kapitalismus zu stören. Wir sind wieder von „…ums Ganze!“ inspiriert, waren Teil der Blockade des Hafens beim G20-Gipfel in Hamburg 2017, die wir für eine sehr viel versprechende Aktion hielten. Die Logistik ist heute der Lebensnerv des modernen, postfordistischen, digitalen Kapitalismus, den wir in diesem Text beschrieben haben, und er ist unglaublich schwach und leicht zu blockieren.

Als Randbemerkung: Wenn wir über diese diese These diskutieren, scheinen viele unserer deutschen GenossInnen verblüfft zu sein und das Gefühl zu haben, dass Massenaktionen in diesem Sinne nicht wirklich etwas Neues schaffen. Nach eingehender Diskussion darüber glauben wir, dass ein großer Unterschied darin besteht, dass die deutsche Bewegung über eine so weitreichende Infrastruktur verfügt. Es ist möglich, in einem Hausprojekt zu leben, jeden Tag zu einer Volksküche zu gehen, nur in Szene-Kneipen zu trinken und gelegentlich eine Unternehmung zu starten – mit den MitbewohnerInnen in eine andere Stadt fahren, einen Tag lang Action machen und dann nach Hause gehen…. Das geht in Schweden nicht. Diejenigen, die an Massenaktionen teilnehmen, neigen dazu, sich zu verändern, sie entwickeln eine neue Lebens- und Kampfhaltung und neigen dazu, diese zu übernehmen, um lokale Kämpfe zu schaffen und daran teilzunehmen.

Somit, spricht die alte Kritik an Kampagnen und Massenaktionen, welche besagt, dass diese nichts verändern und nur als Ablenkung von den „realen Kämpfen“ dienen, nicht für unsere Situation. Vielmehr, sehen wir eine klare Dialektik zwischen dem Alltagsleben und den Massenaktionen.

Fazit

In diesem Text haben wir argumentiert, dass die klassische Sozialdemokratie in Form des „nordischen Modells“ ein Wunschtraum ist und dass es aufgrund von Veränderungen im Kapitalismus auch praktisch unmöglich ist, zu ihr zurückzukehren. Wir haben die Entwicklung des postfordistischen Kapitalismus und sein Verhältnis zu den modernen Technologien verfolgt und gezeigt, wie diese die politische Handlungsfähigkeit verändert haben. Dabei haben wir uns besonders auf das konzentriert, was wir in puncto Macht und hinsichtlich einer klaren Vision für den zukünftigen Kommunismus brauchen.

Zum Schluss möchten wir sagen, dass die Rolle der Kommunisten darin besteht, das Universelle durch das Einzelne zu konstruieren und die verschiedenen Segmente unserer Klasse zu vereinen. Das heißt nicht einfach nur zu sagen, dass wir alle die gleichen Interessen haben – ein Vorgehen, das die Gefahr birgt, die besonderen Bedürfnisse von Frauen, rassifizierten Gruppen, Trans-Personen und so weiter zu verleugnen. Vielmehr ist es die praktische Arbeit, die sich je nach Kontext ändert. Unsere Arbeit zum Streikgesetz in Schweden und unser Kampf gegen die Sozialdemokratie ist ein Versuch, die Klassendiktatur, die von den Sozialdemokraten aufgebaut wurde, zu zerschlagen. Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, etwas zu vermitteln, das für unsere GenossInnen im Ausland von Nutzen ist.

Autonom Organisering, Frühling 2019