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Krise & Virus

Das Corona-Regime und der Kampf um die ArbeiterInnenkontrolle

Von: Angry Workers of the World

Während viele Linke warteten und die Regierung baten, ihnen zu sagen, was sie tun sollen, haben viele Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt begrenzte, aber echte Schritte in Richtung ArbeiterInnenkontrolle unternommen. Spontane Streiks haben sich von Autofabriken in Italien bis nach Kanada und in die USA ausgebreitet; in Brasilien brach eine Reihe von Call-Center-Streiks aus; in Spanien und Frankreich sowie in New York verließen Amazon Arbeiterinnen und Arbeiter die Arbeit; in Peru streiken öffentliche Reinigungskräfte und Bergarbeiter; in Bangalore weigern sich die Bekleidungsarbeiterinnen und -arbeiter, die Fabriken ohne Schutzausrüstung zu betreten.

Es ist bereits eine Politisierung innerhalb dieser kurzen und globalen Bewegung der Klasse zu erkennen.

Die unmittelbarste Forderung der streikenden ArbeiterInnen war, die richtige Schutzausrüstung gegen Covid-19 zu erhalten. Aber dann gingen viele Streiks noch weiter, z.B. im Fall von AvioAreo in Italien stellten die ArbeiterInnen in Frage, ob ihre Arbeit – die Produktion von Flugzeugmotoren – derzeit sozial notwendig ist. Die Arbeiter bei Ferrari taten dies, aus offensichtlichen Gründen, auch. Die Tatsache, dass wir nicht viele ähnliche Aktionen im Vereinigten Königreich gesehen haben, könnte auch etwas mit der allgemeinen Fokussierung auf den Staat und eine parlamentarische Lösungen zu tun haben. Diese Fokussierung auf die Labour-Partei kam in der Vergangenheit der Kontrolle der ArbeiterInnen in den Weg, zum Beispiel während des Lucas-Plan-Streits. [1]

Dies sind die ersten grundlegenden Schritte und realen materiellen Erfahrungen der Arbeiterkontrolle. Es gibt von diesem Zeitpunkt an keinen gleichmäßigen und stufenweisen Pfad zur Ausweitung dieser Kontrolle – es wird vom Kampf der ArbeiterInnen abhängen. Aber wir, als Revolutionäre der ArbeiterInnenklasse, können zumindest ein paar Dinge tun, um diese Entwicklung zu unterstützen:

  1. Dokumentiert und systematisiert weiterhin die Berichte über die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse in der derzeitigen Situation.
  2. Teilt Berichte darüber, wie sich die Diskussionen und Erfahrungen in der heutigen Arbeitswelt verändern. Wenn wir uns die Arbeit einiger unserer GenossInnen ansehen, die für Supermärkte Lieferungen ausfahren, können wir bestimmte Tendenzen erkennen: Wenn du mit jeder Lieferung in Gefahr bist, wirst du und deine KollegInnen anfangen, euch zu fragen, ob es sinnvoller ist, Sushi-Brötchen an die städtischen Büros oder frisches Gemüse an das Altenheim zu liefern. Sobald diese Frage auftaucht, wird die Position des Managements in Frage gestellt: Das Management ist in erster Linie dazu da, die Arbeit für die Wirtschaft durchzusetzen, ob sie sinnvoll ist oder nicht.
  3. Berichtet über die Schritte, die ArbeiterInnen unternehmen, um die Art ihrer Dienstleistung oder ihres Produktes zu verändern, um es sozial nützlicher zu machen. Einiges davon könnte per „Regierungsbeschluss“ geschehen, aber am Ende werden es die IngenieurInnen und ArbeiterInnen in der Werkstatt sein, die den Produktionsprozess wesentlich verändern, zum Beispiel von Autoteilen zu Atemschutzmasken. Hier werden die Trennungen zwischen intellektueller und manueller Arbeit in Frage gestellt und neu gezogen, und es wird die Möglichkeit gleichberechtigterer Beziehungen auf der Arbeit entstehen.
  4. Helft mit auf Gleichberechtigung zu drängen. Die Frage der Gleichstellung wurde bereits aufgeworfen: Warum sollten LohnarbeiterInnen eine bessere finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten als ihre selbständigen KollegInnen? Warum können bereits „privilegierte“ Angestellte von zu Hause aus arbeiten, während andere in Lager- oder Fabrikhallen stehen müssen? Diese Frage der Gleichberechtigung wird sich im Laufe der Zeit organisch ausweiten: Wie kann die Arbeitsbelastung in den wesentlichen Branchen gleichmäßiger verteilt werden? Wie können wir 12-Stunden-Schichten für einige vermeiden, während andere zu Hause sitzen (müssen)?
  5. Unterstützt Zusammenschlüsse über den Arbeitsplatz hinaus. Die Grenzen der ArbeiterInnenkontrolle auf der Ebene eines einzelnen Arbeitsplatzes ist bereits sichtbar. Die meisten Arbeitsplätze, insbesondere in der Lebensmittelproduktion und anderen Produktionsbereichen, sind von ausgeklügelten (internationalen) Lieferketten abhängig [1]. Um die Grundproduktion am Laufen zu halten, müssen die Verbindungen zwischen den Produktionseinheiten selbst neu geschmiedet werden. Je länger die Corona-Krise andauert, desto mehr werden die finanziellen Verbindungen zwischen den Produktionseinheiten unter Druck geraten. Die Liquiditäts- und Schuldenprobleme eines einzelnen Unternehmens könnte die Produktion eines ganzen Sektors gefährden. Ein drastischer Wertverlust der nationalen Währung und des Wechselkurses könnte die Versorgung gefährden. Wir werden sehen, dass die „Kritik des Geldes und der Warenform“ keine intellektuelle Übung ist, sondern eine materielle Notwendigkeit.
  6. Vorsicht vor dem Staat! Eine Linke, die eine „strengere Durchsetzung der sozialen Distanzierung“ vom Staat fordert, ist ein FeindInn der ArbeiterInnenklasse, Punkt. Der kapitalistische Staat ist nicht „ambivalent”, der „Kampf um die Hegemonie“ ist eine faule Ausrede, scheiß auf Gramsci und seine Jünger! In Portugal hat die „linke Regierung“ das Streikrecht ausgesetzt. In Frankreich setzt die Unternehmensleitung die Polizei ein, um Postbeamte zu bedrohen, die sich weigern, ihr Leben wegen schlechter Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen zu riskieren. In Italien will der Staat die Produktion am Laufen halten, und es sind die Aktionen der ArbeiterInnen, durch die Schutzmaßnahmen durchgesetzt werden, wie z.B. nicht dicht nebeneinander auf einem Fließband zu stehen um Schwachsinn zu produzieren.
  7. Gegenwärtig können wir die Mängel einer radikalen Linken sehen, welche die ArbeiterInnenklasse in den letzten Jahrzehnten ignoriert hat. Wir sehen die Grenzen der „Kommunisierung“ und der „aufständischen“ Ultralinken: Welche Auswirkungen hätte eine Massenwelle von Plünderungen und Ausschreitungen in der gegenwärtigen sozialen Atmosphäre? Die Umverteilung des Reichtums und die Selbstverteidigung gegenüber dem Staat haben keine Grundlage, wenn sie nicht durch eine geschlossene und disziplinierte Kraft der ArbeiterInnen in den wesentlichen Industrien unterstützt wird, die das soziale Überleben garantieren können.

Die radikale Linke hat nicht die ausreichende Verwurzelung in der ArbeiterInnenklasse, um praktisch auf eine Ausweitung der ArbeiterInnenkontrolle zu drängen. Darüber hinaus gibt es keine politische Organisation der ArbeiterInnenklasse, die das Wissen und die Macht sowohl der „WissenschaftsarbeiterInnen“ als auch der ” ProduktionsarbeiterInnen” in einer sozial emanzipatorischen Bahn zusammenführen kann. Wir müssen diese Organisation aufbauen. Unser neues Buch, sehen wir als einen bescheidenen Beitrag zu diesem Prozess, die Einführung kann hier gelesen werden: www.classpower.net/intro

[1]
https://angryworkersworld.wordpress.com/2016/11/24/lessons-from-the-lucas-plan-dont-waste-working-class-creativity-on-labour-and-the-state/

[2]
https://angryworkersworld.wordpress.com/2020/03/23/empty-supermarkets-the-food-supply-chain-from-a-workers-perspective/