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Soziale Kämpfe

Unruhen in Beaubreuil: “Wir sind im Krieg”… gegen die Polizei!

Von: Sebastian Lotzer

Seit einer Woche halten nun schon die Unruhen in den Vororten Frankreichs an. Etliche Hundertschaften Bereitschaftspolizei wurden in die Viertel geschickt, Mitte der Woche sollen es um die 2.000 Bullen gewesen sein, dann wurden keine Zahlen mehr veröffentlicht. Dafür kursieren in den sozialen Netzwerken Dutzende von Videos aus den verschiedenen Städten in denen lange Kolonnen an Transportern der CRS zu sehen sind.

Alles fing an, wie es immer anfing. Jemand fährt mit seinem Moped durch die Gegend, die Bullen hängen sich dran. Falscher Ort, falsche Hautfarbe, oder die Visage gefällt einfach irgendeinem Bullen nicht. Meinetwegen auch die Helmpflicht, es findet sich immer etwas. Also Vollgas und überholt, natürlich in zivil, und dem armen Schwein die Beifahrertür vor die Fresse geknallt. Der knallt gegen einen Poller, sein Bein splittert, er schreit vor Schmerzen. Noch am Abend kommt es in Villeneuve-la-Garenne nordöstlich von Paris zu Unruhen.

Seit Beginn der Ausgangssperre sind sechs Menschen in diesem Zusammenhang bei Polizeieinsätzen getötet worden, etliche wurden, zum Teil schwer, verletzt. In Chanteloup-les-Vigne schossen die Bullen bei einer Rangelei mit Anwohnern einem fünfjährigen Mädchen ein Gummigeschoss gegen den Kopf. Das Kind musste im Krankenhaus notoperiert und in ein künstliches Koma gelegt werden.

Die Corona Pandemie trifft die Armen der Armen, die Bewohner der quartiers populaires, der Vororte, besonders hart. Auf der einen Seite gibt es eine wesentlich höhere Infektionsrate, weil die Menschen auf viel engerem Raum leben, diejenigen, die schlecht bezahlte Jobs in den Innenstädten haben, müssen in überfüllten Bussen und Bahnen zur Arbeit fahren. Es gibt viele Menschen mit chronischen Krankheiten, die medizinische Versorgung ist wesentlich schlechter. Auf der anderen Seite verlieren viele ihren eh bescheidenen Lebensunterhalt, alles was schwarz oder in Form von Trinkgeld dazu verdient wurde, fällt weg. Die Kinder können nicht mehr kostenlos in der Schule oder Kita essen. Man sieht lange Schlange von Menschen, die sich an den wenigen Ausgabestellen für kostenlose Nahrungsmittel anstellen. Häufig zusammengedrängt in den zu kleinen Wohnungen der Trabantenstädte nimmt die Ausgangssperre den Menschen die letzten Möglichkeiten für ein halbwegs erträgliches Leben. Unter diesen Umständen kam es vom ersten Tag der Verhängung der Ausgangssperre an (die in Frankreich viel umfassender als in der BRD gehandhabt wird) zu Zusammenstößen zwischen aufgebrachten Jugendlichen und den Bullen. Nach den Geschehnissen in Villeneuve-la-Garenne eskalierte dann die Situation. Von Straßburg bis Marseille kam es zu Riots, die für die Jugendlichen aufgrund der Ausgangssperre unter wesentlich schwierigeren Bedingungen zu organisieren waren.


Doch lassen wir die Beteiligten selbst zu Wort kommen. Ein Bericht aus Beaubreuil, einem Vorort von Limoges:

Limoges: Stadt der Bullen!

Die Wochen vergehen und die Gewalt des Staates konstituiert sich erneut und schwitzt durch alle seine Poren (Mörder).

In Limoges nimmt die Besatzungsarmee den öffentlichen Raum militärisch ein. Gleichzeitig wurde die Stadt Limoges mit 145 Videoüberwachungskameras ausgestattet, die rund um die Uhr mit den Cops (städtische Polizei, nationale Polizei und den Baqueux (1) verbunden waren. Als ob sie nicht etwas von der Show verpassen wollten, setzten sie Drohnen und Hubschrauber ein, um die Überwachung zu perfektionieren…

Mit all dieser Ausrüstung fühlen sich die Bullen stark und zeigen es auch. Sie verhängen Bußgelder, beleidigen, schlagen und kontrollieren die Leute…Aber eben auch nicht irgendjemand…Sie visieren Ziele an! SexarbeiterInnen, Prekäre, Menschen mit der aus ihrer Sicht falschen Hautfarbe….

Ich habe noch nie so viele Kumpels sagen hören, dass sie beleidigt, beschimpft oder von Bullen geschlagen wurden! Und dennoch, glauben Sie bitte nicht, dass es etwas Ungewöhnliches war!

Sie haben davon geträumt, nun haben sie sie… die rechtliche Möglichkeit, die gesamte Bevölkerung zu kontrollieren. Es ist kein Wunder, dass es “Fehler” gibt, wenn man die Kontrollbefugnis der Strafverfolgung verallgemeinert.

Nun, zur gleichen Zeit…wenn die Fehler alltäglich werden und sich gegen Sexarbeiterinnen, Menschen mit der vermeintlich falschen Hautfarbe, Arme usw. richten, sind sie keine Fehler! Genau das ist die Aufgabe, die ihnen in der guten alten republikanischen Institution der Polizei zukommt. Sehen Sie, dies ist keine Verleumdung!

Um in Ruhe befragen zu können, können sie zudem Personen festnehmen und für drei Monate ins Gefängnis stecken, wenn diese viermal ihre Bescheinigung nicht vorgelegt haben (2). Genau dies ereignete sich in der Nähe unseres Hauses…

Wenn wir gleichzeitig sehen, dass sie die Gefangenen durch ein Besuchsverbot von Verwandten und Freunden noch weiter einschränken. Dass sie sie ernsthaften Gesundheitsrisiken aussetzen (abgesehen von der gewöhnlichen Gefährdung im Gefängnis): keine Masken, kein Desinfektionsmittel, kaum ärztliche und pflegerische Betreuung. Und wenn sie sich zu Recht auflehnen…schicken wir ihnen Spezialeinheiten, die ERIS (3), ein bisschen wie die CRS, aber mit Schrotflinten – und andere Einheiten, die Liste ist lang – und dem Recht, sie zu erschießen.

In den letzten Wochen hat der Ärger zugenommen. Aber andererseits ist das nichts Neues. Die Stadt Limoges ist seit langem eine Stadt der Bullen. Die Stadtbullerei ist militärisch bewaffnet und unterdrückt täglich die Menschen auf der Straße, Huren, Drogenabhängige. Sie nehmen dich immer mit, wenn sie wollen… Wenn du zu betrunken, zu fremd, zu viel was auch immer bist… Und wenn dies keine Allgemeinverständlichkeit ist, unterstützen andere diese täglichen Praktiken, ohne etwas zu sagen. Also, alle in einem Korb!

Gestern in Beaubreuil wurde ein Mann von den Bullen (der BAC, wer sonst) übelst vermöbelt. Ein Bewohner sagt uns, dass er nicht überrascht ist. Denn seit Beginn der Ausgangssperre hat die Polizei alle beleidigt: “die Mitarbeiter von Limoges Habitat (HLM-Büro), die Passanten, alle”

Die Umstände der Aggression sind nicht klar, aber gesichert sind die Infos über die Gewalt der Polizisten. Sie sollen Blendgranaten eingesetzt haben.

Wie üblich gaben die Medien die Informationen mit der Version der Polizisten weiter. Vor allem durch die Stimme der Gewerkschaft Allianz (4), die ihren Hass auf die Nachbarschaft zum Ausdruck gebracht hat… Die “No-Go”-Zone seid ihr!

Heute, am Mittwoch, 22. April, unterdrückt die Polizei die Bewohner von Beaubreuil, die ihre Wut zum Ausdruck bringen! Sie werden es nicht weiter hinnehmen. Im Gegenzug schießen die Bullen mit Flash-Balls und Tränengas auf den Marktplatz.

Um sich zu verteidigen, brennen Autos und der Rauch steigt bis über die Wohntürme (in Richtung des alten Schwimmbades, das die Gemeinde zerstört hat… ) ! Eine Leiter wird auf eine Baustange gestellt, um eine Überwachungskamera zu erreichen. Einer der Protagonisten schlägt darauf ein und lässt sie zu Boden fallen! Die Aktion wurde an einem anderen Ort und dann noch an einem anderen Ort wiederholt! Die Kameras sind weit geflogen!

Um 18.30 Uhr wird bei der Molotow-Cocktailparty der Anbau des Rathauses bis auf die Grundmauern niedergebrannt! Die Symbole stürzen!

In der durch Tränengas geräucherten Atmosphäre wird der Bezirk, obwohl eingeschlossen, mit Tränengas eingehüllt. Die Gendarmerie unterstützt die Polizei bei Ausschreitungen.

Während um 20.30 Uhr ein Kandidat für die Kommunalwahlen von der Liste von Thierry Miguel (ehemaliger Chef der BAC von Limoges… Limoges Stadt der Bullen!) zur Ruhe in den Netzwerken aufruft, entsendet der Präfekt um 20.30 Uhr eine halbe Kompanie der CRS in den Bezirk, um den Aufstand besser unterdrücken zu können! Unterdessen gratuliert Emile-Roger Lombertie (derzeitiger Bürgermeister von Limoges) zu der repressiven Aktion… während er Unwahrheiten und seinen Hass gegen die Randalierer verbreitet…

Kurz vor 22.00 Uhr gingen die Leute nach Hause. Die Ruhe mag wieder eingekehrt sein, aber der Stadtteil wird von der Polizei, den CRS und den Polizeihundebrigaden überwacht… Die Nacht ist eine gute Zeit für eine Beratung, meine Freunde!

Dann, gegen 23 Uhr, erheben sich die Bastarde ihrerseits! An einer Kreuzung werden Barrikaden errichtet und Molotowcocktails gegen Autos geworfen. Die Polizei greift nicht ein, sie unterstützt lediglich die Feuerwehr!

Wir werden nicht zur Ruhe rufen… Wir werden die Menschen in der Nachbarschaft nicht in Gut und Böse spalten. Wir hoffen, dass die Bewegung wächst und sich überall ausbreitet!

Solidarität mit denjenigen die sich erheben!


Von Sebastian Lotzer erschien 2018 “Winter Is Coming”, eine kommentierte Textsammlung über die sozialen Kämpfe und die Unruhen in den Vororten von Frankreich bei bahoe books, Wien. Im gleichen Verlag erschienen auch seine politischen Romane “Begrabt mein Herz am Heinrichplatz” und “Die schönste Jugend ist gefangen”.


  1. Baqueux, Acronyme BAC (Brigade anti-criminalité), die verhassten Zivilbullen, die erst in den Vororten und in den letzten Jahren auch bei den linken Demos in den Innenstädten eingesetzt werden
  2. In Frankreich muss iin Zeiten der Ausgangssperre immer ein Dokument mit sich geführt werden, aus dem ein “triftiger” Grund hervorgeht, warum man das Haus verlässt
  3. équipes régionales d’intervention et de sécurité (ÉRIS), Sondereinheit der Justizverwaltung zur Niederschlagung von Gefängnisrevolten oder zur Intervention bei Geiselnahmen. Über ganz Frankreich verteilt stehen neun Einheiten in einer Gruppenstärke von jeweils 30 Mitgliedern zur Verfügung. Gegründet wurde die Sondereinheit 2003 von dem heutigen Pariser Polizeipräsidenten Didier Lallement, der Anfang 2019 in dieses Amt befördert wurde, um die Proteste der Gilets Jaunes in der französischen Hauptstadt unter Kontrolle zu bringen
  4. Rechtsstehende Gewerkschaft der Polizei mit Sympathien für Le Pen

2 Antworten auf „Unruhen in Beaubreuil: “Wir sind im Krieg”… gegen die Polizei!“

[…] „Unruhen in Beaubreuil: “Wir sind im Krieg”… gegen die Polizei!“ am 25. April 2020 beim Au… ist die kommentierte Übersetzung eines Berichts aus Limoges von Sebastian Lotzer, in dem es zunächst kommentierend und dann berichtend unter anderem heißt: „… Die Corona Pandemie trifft die Armen der Armen, die Bewohner der quartiers populaires, der Vororte, besonders hart. Auf der einen Seite gibt es eine wesentlich höhere Infektionsrate, weil die Menschen auf viel engerem Raum leben, diejenigen, die schlecht bezahlte Jobs in den Innenstädten haben, müssen in überfüllten Bussen und Bahnen zur Arbeit fahren. Es gibt viele Menschen mit chronischen Krankheiten, die medizinische Versorgung ist wesentlich schlechter. Auf der anderen Seite verlieren viele ihren eh bescheidenen Lebensunterhalt, alles was schwarz oder in Form von Trinkgeld dazu verdient wurde, fällt weg. Die Kinder können nicht mehr kostenlos in der Schule oder Kita essen. Man sieht lange Schlange von Menschen, die sich an den wenigen Ausgabestellen für kostenlose Nahrungsmittel anstellen. Häufig zusammengedrängt in den zu kleinen Wohnungen der Trabantenstädte nimmt die Ausgangssperre den Menschen die letzten Möglichkeiten für ein halbwegs erträgliches Leben. Unter diesen Umständen kam es vom ersten Tag der Verhängung der Ausgangssperre an (die in Frankreich viel umfassender als in der BRD gehandhabt wird) zu Zusammenstößen zwischen aufgebrachten Jugendlichen und den Bullen. Nach den Geschehnissen in Villeneuve-la-Garenne eskalierte dann die Situation. Von Straßburg bis Marseille kam es zu Riots, die für die Jugendlichen aufgrund der Ausgangssperre unter wesentlich schwierigeren Bedingungen zu organisieren waren. (…) In den letzten Wochen hat der Ärger zugenommen. Aber andererseits ist das nichts Neues. Die Stadt Limoges ist seit langem eine Stadt der Bullen. Die Stadtbullerei ist militärisch bewaffnet und unterdrückt täglich die Menschen auf der Straße, Huren, Drogenabhängige. Sie nehmen dich immer mit, wenn sie wollen… Wenn du zu betrunken, zu fremd, zu viel was auch immer bist… Und wenn dies keine Allgemeinverständlichkeit ist, unterstützen andere diese täglichen Praktiken, ohne etwas zu sagen. Also, alle in einem Korb! Gestern in Beaubreuil wurde ein Mann von den Bullen (der BAC, wer sonst) übelst vermöbelt. Ein Bewohner sagt uns, dass er nicht überrascht ist. Denn seit Beginn der Ausgangssperre hat die Polizei alle beleidigt: “die Mitarbeiter von Limoges Habitat (HLM-Büro), die Passanten, alle”. Die Umstände der Aggression sind nicht klar, aber gesichert sind die Infos über die Gewalt der Polizisten. Sie sollen Blendgranaten eingesetzt haben.Wie üblich gaben die Medien die Informationen mit der Version der Polizisten weiter. Vor allem durch die Stimme der Gewerkschaft Allianz (4), die ihren Hass auf die Nachbarschaft zum Ausdruck gebracht hat… Die “No-Go”-Zone seid ihr! Heute, am Mittwoch, 22. April, unterdrückt die Polizei die Bewohner von Beaubreuil, die ihre Wut zum Ausdruck bringen! Sie werden es nicht weiter hinnehmen. Im Gegenzug schießen die Bullen mit Flash-Balls und Tränengas auf den Marktplatz. Um sich zu verteidigen, brennen Autos und der Rauch steigt bis über die Wohntürme (in Richtung des alten Schwimmbades, das die Gemeinde zerstört hat… ) ! Eine Leiter wird auf eine Baustange gestellt, um eine Überwachungskamera zu erreichen. Einer der Protagonisten schlägt darauf ein und lässt sie zu Boden fallen! Die Aktion wurde an einem anderen Ort und dann noch an einem anderen Ort wiederholt! Die Kameras sind weit geflogen! Um 18.30 Uhr wird bei der Molotow-Cocktailparty der Anbau des Rathauses bis auf die Grundmauern niedergebrannt! Die Symbole stürzen! In der durch Tränengas geräucherten Atmosphäre wird der Bezirk, obwohl eingeschlossen, mit Tränengas eingehüllt. Die Gendarmerie unterstützt die Polizei bei Ausschreitungen…“ […]