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Interview

Ohne Seenotrettung hätten wir 14 Spieler weniger.

Die deutsche Linke diskutiert ja immer wieder das Thema Basisarbeit und stellt sich zurecht die Frage: wie können wir aus der Marginalisierung herauskommen und Schritt für Schritt mehr werden? In einer Gegend, wo man eigentlich nicht damit rechnet, gibt es ein Projekt von unten, das diesen Effekt ganz nebenbei hat und dafür sorgt, dass Menschen in Kontakt mit linker Politik kommen, die es ansonsten nicht würden. Ich habe ein Interview mit Marius und Erich vom FC Internationale Memmingen e.V. geführt, ein Antirassistischer Fußballverein im Allgäu.

Interview und Übersetzung: Pierre Rouge


Hallo zusammen, vielleicht stellt ihr euch erstmal kurz vor: Wer seid ihr und seit wann gibt es euch?

Marius: Uns gibt es offiziell seit dem 13.12.2018. Da haben wir gesagt wir gründen den Verein. Es war allerdings schon 2 Jahre davor geplant. Wir wurden von einer Person aus einem Helferkreis angesprochen, der schon lange vorher jeden Samstag einen Kick für Geflüchtete aus dem ganzen Landkreis Unterallgäu organisiert hat. Irgendwann haben da dann ein paar Jungs gesagt, sie wollen zusammen einen Fußballverein gründen. Zuerst haben wir dann gesagt, dass es zeitlich schwierig ist…

Erich: ja die wollten eigentlich erstmal zusammen in nem Verein spielen. Es hat sie aber niemand aufgenommen, weil es vielleicht teilweise kritisch gesehen wurde oder die Leute keine Lust auf den Mehraufwand hatten. Die haben dann halt erstmal z.B. bei einem antirassistischen Hobbyturnier mitgespielt, was es hier jährlich gibt. Eigentlich war aber der Plan, die Leute in bestehende Vereine zu bringen. Jetzt sind wir aber froh darum es einfach selber gemacht zu haben, auch wenn es sau viel Arbeit war.

Marius: Ja und dann sind Mitte 2018 ein paar Leute zusammen gekommen, die alle Bock hatten was eigenes zu machen. Die Gründung an sich war nicht so schwierig: 5 Bier, bis wir einen Namen hatten und dann haben wir uns mit den Spielern zusammen noch auf ein Logo und die Vereinsfarben geeinigt: Orange, rot, weiß.

Was waren so die Startprobleme?

Marius: Das erste Jahr konnten wir noch nicht spielen, weil manche Spieler noch bei anderen Vereinen waren und viele noch keinen Spielerpass hatten. Das war natürlich am Anfang noch schwierig, weil wir keine Kohle hatten. Durch Spenden konnten wir dann ein kleines Startkapital sammeln. So ein Passantrag kostet 52 Euro pro Spieler. Wo wir die erste Versicherungsrechnung bekommen haben dachte ich mir: Scheiße, das hört auf bevor es überhaupt angefangen hat. Für die Trikotsätze war es schwierig Sponsoren zu finden, weil: wer unterstützt einen komplett neuen Verein? Das hat dann nur durch persönliche Kontakte geklappt, weil wir auch nicht jeden Sponsor wollten, vor allem keinen der in Memmingen Waffen produziert, oder wo man weiß, dass der Inhaber ein Rechter ist, das wäre schon arg absurd gewesen.

Erich: Das nächste war dann das Problem, dass ein Spielerpassantrag bis zu einem halben Jahr dauern kann bei jemandem der keinen Pass hat und aus nem fremden Land kommt. Weil, du musst immer nachweisen ob die Person dort irgendwo gespielt hat und freigestellt ist oder nicht. Es war dann oft so, dass keine Antwort kam und wir ein halbes Jahr abwarten mussten, weil die Person dann spielen darf, wenn so lange keine Antwort kommt. Noch ein Problem war die Platzsuche, weil wir in Memmingen angefragt haben, aber alles belegt war. Durch persönliche Kontakte zu einer Gemeinde bisschen außerhalb hat sich dann aber eine Möglichkeit mit guten Konditionen ergeben, weil sich dort die Fußballabteilung aufgelöst hatte.

Und wie läuft es seitdem?

Marius: Es ist ein ständiges auf und ab. Wir müssen einen hohen Aufwand betreiben, um den Verein aufrecht zu erhalten. Allein das Fahren kostet enorm viel Zeit, weil unsere Spieler im Landkreis verteilt wohnen und niemand ein Auto, geschweige denn Führerschein hat. Das wird sich auch nicht ändern, weil es finanziell und rechtlich unrealistisch ist, wenn du z.B. nur eine Duldung hast.

Erich: Ja da fährt man dann schon mal an die 100 km bis man alle zum Training eingesammelt hat. Da bräuchte es noch mehr Leute, damit man nicht immer so lang unterwegs ist.

Wie waren die Reaktionen auf euer Projekt in der Gegend?

Marius: Wir haben eigentlich mit viel mehr Gegenwind gerechnet, gerade so in bestimmten Dörfern, wo die AfD stark ist. War dann aber gar nicht so. Es kam Kritik, dass wir ja Integration verhindern würden, wenn wir einen eigenen Verein mit politischem Anspruch machen. Prinzipiell haben die Leute da schon recht, aber wenn sie es ihnen auch so schwer machen in ihren Vereinen mitzuspielen, sag ich ihnen doch nicht „integriert euch mal!“. Gleichzeitig haben wir natürlich niemanden gezwungen bei uns mitzuspielen. Und manche Spieler sind auch schon zu anderen Vereinen gewechselt.

Erich: Dazu gibt es viele Beispiele bei uns, die ständig Absagen bei Vereinen kassiert haben und wo immer wieder gesagt wurde du bekommst eh keinen Spielerpass, weil es den Zuständigen einfach zu stressig war sich darum zu kümmern.

Für alle die sich im Süden nicht so auskennen: In welchem Umfeld seid ihr dort aktiv? Wie ist die politische Stimmung in der Gegend? Seid ihr rassistischen Angriffen, sei es verbal oder auch körperlich ausgesetzt?

Marius: Das politische Umfeld hier in der Gegend ist sehr konservativ bzw. von blau und braun durchzogen eigentlich. Du hast hier „Voice of Anger1“, die aus der Gegend kommen und „Born to be wild2“, die überall hier verteil wohnen…also eigentlich für so ein Projekt eine schwierige Umgebung. Aber das war eigentlich bisher kein Problem, bis auf Einzelheiten.

Erich: Also ich hab da schon ein paar Sachen gehabt auf dem Platz. Da kommen schon mal Sprüche. Gerade gegen Tur Abdin oder Türkspor. Die sagen dann eure Leute müssen morgen eh nicht arbeiten und ziehen uns das Geld aus der Tasche oder die Fans spucken dich an. Gegen Türkspor war es kurz vor m Spielabbruch, da hat einer unserem Torwart die Finger gebrochen und die Fans von denen ham das noch gefeiert. Oder gegen Amendingen, wo dir stolz gesagt wird, dass man trotzdem die AfD wählt. Bei denen haben sich auch nochmal extra viele zum Spiel gemeldet, weil es halt gegen uns ging. Das Spiel war dann auch dementsprechend giftig und ich wäre auch fast vom Platz geflogen, weil ich mir das natürlich nicht gefallen lassen wollte. Man muss schon sagen ich hätte es krasser erwartet, aber es ist schon trotzdem da. Viele Vereine haben aber auch ein sehr gutes Verhältnis zu uns.

Marius: Man hat bei den ganzen Sprüchen das Gefühl, die Leute labern halt irgendwas nach, was sie an ihrem AfD- Bauern- Stammtisch gehört haben, ohne dass das ihre selbst entwickelte Meinung ist. Im Großen und Ganzen kommt unser Verein aber wirklich positiv an. Und dadurch, dass bei unseren Spielen auch immer viel Support da ist, halten sich einige vermutlich auch zurück mit Pöbeleien, weil sie wissen, dass es eventuell schlecht für sie ausgehen kann. Insgesamt steht für die meisten aber das Sportliche im Vordergrund und gar nicht so das Politische, was wir immer mitdenken.

Wie geht ihr damit um? Was funktioniert am besten?

Marius: Also wir haben für uns beschlossen, dass wenn es Überhand nimmt, wir geschlossen den Platz verlassen. Und dann auch klar an die Presse treten und erklären, warum wir dieses Spiel abgebrochen haben. Soweit ist es aber noch nicht gekommen. Gerade ich krieg es draußen aber oft auch nicht mit, was so auf dem Platz fällt und viele erzählen es dann im Nachhinein.

Erich: Ich war da auch schon oft ziemlich gereizt und hab Leuten dann auch Ansagen gemacht was passiert wenn es so weitergeht. Klar das war vielleicht nicht immer der richtige Weg aber für die war dann halt klar, dass sie an eine Grenze gekommen sind.

Marius: Das find ich aber gar nicht der falsche Weg. Die machens aufm Platz so dann kannst du auch dein Statement setzen. Wir sind auch im engen Austausch mit den Schiedsrichtern, wo man sagen muss, dass die meistens wirklich sehr sensibel mit der Thematik umgehen.

Welche politischen Effekte hat das Vereinsprojekt schon gehabt?

Erich: Ich würde definitiv sagen, dass viele Fans oder Leute die frisch dazugekommen sind, um sich das Projekt mal anzuschauen, glaube ich, schon gemerkt haben, dass es scheißegal ist woher jemand kommt, es kann immer zusammen funktionieren. Und natürlich auch innerhalb der Mannschaft hat sich viel getan, weil nicht alle von Anfang an unsere politische Einstellung hatten. Da haben sich einige verändert. Viele von außen sind sehr interessiert, wie es bei uns läuft, weil es für sie immer noch Neuland ist und sie es nicht vorstellen können, wie es funktioniert.

Marius: Nach außen würde ich sagen eher weniger, aber gerade innerhalb der Mannschaft haben viele ihre Meinungen und ihr Verhalten geändert. Von außen bekommt man manchmal Fragen gestellt, die klingen als würde man mit Außerirdischen Fußball spielen. Viele kommen da schlecht von ihren Vorstellungen weg und auch man selbst ertappt sich dabei, wie man den Alman in sich entdeckt und alles immer strukturieren will. Wir haben auch selbst gelernt, dass es auch anders laufen kann. Außerdem sind wir als Verein immer aktiv, wenn eine Abschiebung droht, machen Petitionen und machen es so schwerer jemanden abzuschieben, wenn wir als Verein dahinterstehen.

Was sind eure weiteren Pläne und Ziele?

Erich: Wir wurden von der Gemeinde wo unser Platz ist schon angesprochen vielleicht eine Jugendabteilung aufzumachen und mehr mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wäre cool wenn das noch irgendwann klappt. Dazu brauchen wir aber mehr Kapazitäten.

Marius: Wir müssen schauen, dass wir mehr finanzielle Unterstützung zusammenkriegen und weitere Leute einbinden bei uns aktiv mitzumachen, weil es schon ein hoher zeitlicher Aufwand ist, das Ganze zu betreiben.

Erich: Wir machen auch immer wieder so Aktionen, wo wir z.B. Spielern ermöglichen zum Eishockey zu gehen und legen da dann zusammen, damit alle, die wollen auch mitkommen können. Oder wir bekommen dann auch mal Freikarten vom Verein direkt. Es gab auch schon mal den Plan so ein Benefiz Spiel mit dem ECDC zu machen.

Marius: Das sollten wir vielleicht dann mal vor der Sommerpause machen, sonst gibt’s zu viele Verletzte.

Habt ihr Kontakte zu anderen linken Fußballvereinen?

Erich: Wenig. Wir haben mal Leute von Roter Stern Leipzig auf nem Konzert im Suff kennen gelernt, daraus ist aber nichts Weiteres entstanden bisher.

Marius: Wir hatten mal noch Kontakt zu nem ähnlichen Projekt in Konstanz. Das hat sich aber leider aufgelöst, weil sie glaub keine Spieler mehr hatten oder so.

Was würdet ihr anderen Interessierten gerne mitgeben? Was ist wichtig, wenn man ein ähnliches Projekt aufziehen will?

Marius: Man muss auch wirklich mit Überzeugung dahinterstehen, wenn man so etwas macht, weil es sonst den Menschen gegenüber unfair ist, wenn man sagt, man macht was und dann verläuft es im Sande. Und breit aufstellen und am Besten nicht so wie wir zu viert anfangen. Bei der Entscheidungsfindung muss man auch oft mal pragmatisch sein und kann nicht alles im Konsens entscheiden. Es ist auch immens wichtig Ahnung vom Amateurfußball und den ganzen Abläufen zu haben oder Leute fragen zu können die sich gut auskennen.

Erich: Ich würde sagen, dass es wichtig ist, nicht mehrere Aufgaben auf eine Person zu laden, sondern wirklich viele Leute dazu zu holen, weil es wirklich ein hoher Aufwand ist. Es macht einen aber auch echt glücklich, weil es andere glücklich macht.

Wer Lust hat das Projekt zu unterstützen oder Kontakt zu ihnen sucht, kann sich gerne unter: fcintermm@mitanand.org melden. Außerdem kann man natürlich immer zu den Spielen kommen.

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1 Neonazikameradschaft aus Memmingen

2 Rechter Motorradclub

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