Nachbarschaft, Klassenkampf und Revolution:

von paralleluniversalistischen Handlungskonzepten, struktureellen Zeitschleifen, und Sprüngen in schwarze Löcher…

Glänzend schimmert die Ironie! ‚Hände weg vom Wedding‚ (HWVW) bemängeln in ihrem Beitrag ‚Bau auf. Bau auf! Revolutionäre Stadtteilarbeit neu organisieren‚ selbstkritisch „akademisierte Sprache“ und weiter, „setzen wir uns in dieser ausweglos erscheinenden [linksradikalen] Subkultur häufig selbstreferenziell, gewollt oder ungewollt, mit „Szenedebatten“ auseinander“. Um folgerichtig ihren Text im ‚re:volt magazin‚ zu veröffentlichen. Unweigerlich bleibt so mindestens die Ironie – als schöpferische Kraft der Subversion – eine Stärke autonomer Bewegung…

Ironie hat nichts mit Zynismus zu tun. Der Beitrag ist unschätzbar wertvoll. Weil ihre Reflexionen auf jahrelanger, umtriebiger Praxis fußen und besonders jetzt, da die Dynamik des Aufbruchs Bewegungslinker in Kieze und Stadtteile (mit Gründung vieler ’solidarisch‘-Gruppen vor 3-4 Jahren) ins Stocken zu geraten scheint. Wenn nun hier – aus komfortabler Außenperspektive – Fragen, die der Text aufwirft, polemisch formuliert werden, dann mit allem Respekt vor dem, was HWVW in den letzten Jahren schuf und in Zukunft schaffen werden. Und wenn hier Leerstellen des Beitrags beleuchtet werden, ist doch klar, dass vor Ort dazu ganz konkrete Ideen und strategische Ansatzpunkte vorhanden sind, die nicht Eingang in den Text gefunden haben. Kurzum ist dieser Beitrag weniger als Replik zu begreifen, sondern ein durch den HWVW-Artikel inspiriertes Gedankensammelsurium.

aufreizende Problemwahrnehmung…

Beim ersten Überfliegen des Textes stellten sich mir unweigerlich die Nackenhaare auf. Wie etwas Neues kreieren, wenn wir derart in entflohenen Kategorien verhaftet sind? Wie ‚Lösungen‘ mittels Strukturdebatten anpeilen, wenn wir ‚Probleme‘ doch im kommunikativen, zwischenmenschlichen verorten? Und warum argumentativ (zumindest im editorialen Anreisser) auf eine Analyse des Scheiterns autonomer Politik aufbauen, wenn daraufhin keine Transformation einer Autonomie-Bewegung vorgeschlagen wird?

Nun gut, dass der Text selektiv Schwerpunkte setzt und keine allumfassende Ausformulierung der eigenen (Gruppen-)Perspektive bietet, mag in weiser Voraussicht Umfang und Lesbarkeit geschuldet sein. Dennoch bleibt auch beim wiederholten Lesen ärgerlich, dass unreflektiert ein Bruch wiederholt wird, der schon in der post-autonomen Wendung begründet liegt. Von der Affirmation (individueller wie kollektiver) politischer Autonomie bleibt wenig bis nichts in Verhandlung. In Ermangelung der Möglichkeit ‚Post-Autonomie‘ als emanzipatorisches Projekt zu entwickeln, scheint ohne Umschweife ein Rückgriff auf Organisationsideen aus der Linken zu erfolgen – ohne jedoch die reichlichen Erfahrungen des Nicht-Gelingens solcher Konzepte aufzunehmen. Muss nicht aber Autonomie (als Selbstbestimmung und Selbstverwaltung) im Zentrum unserer strategischen Überlegungen bleiben, gerade wenn wir Selbstorganisierung im Stadtteil und der Nachbarschaft als Ziel ausrufen?

Letztlich scheint mir auf richtig beobachtete Defizite unserer Bewegungsansätze später kaum noch eingegangen zu werden. Im Gegenteil wird eher ein zentraler Mangel in unserem Denkvermögen und unserer Interaktionsfähigkeit wiederholt. Neben unsere alltägliche Erfahrungswelt stellen wir eine abstrakte Organisierungsstruktur als paralleluniversalistisches Handlungskonzept. Die Idee, dass sich unsere zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten auflösen, wenn sich alles schön in eine revolutionäre Struktur einordnet, spiegelt besonders eines: ein avantgardistisches Selbstbild. Und wir täten gut daran, endlich zu begreifen, wie toxisch dieses Selbstverständnis für unsere sozialen Bewegungen ist. Ebenso befremdlich ist die häufig funktionalistische Betrachtung unseres ‚aktivistischen Selbst‘.

Muss nicht kollektive Organisierung in Kiez, im Alltagsleben, weg von instrumentellen Sichtweisen auf die ‚unorganisierte Nachbarschaft‚, wie auf uns selbst? Können wir nicht den Wunsch nach einer besseren Zukunft und dem schönen Leben hier und jetzt – als Ausgangspunkt unserer Motivation ebenso wie als kollektives Ziel – ins Zentrum rücken, statt eine Notwendigkeit revolutionärer Aktivität heraufzubeschwören? Wird nicht schon eine verquere Subjekt-Objekt-Beziehung offenbar, wenn die selbstgewählte Zielstellung ist, „sowohl Nachbar*innen, als auch politische Unterstützer*innen aktiver einzubinden und die Basis für eine revolutionäre Stadtteilarbeit zu verbreitern“? Liest sich das nicht teilweise so – zwischen den Zeilen?

Um das Selbstverständliche festzuhalten, sicher braucht es Organisation und Strukturen, wenn wir politische Handlungsmächtigkeit erreichen wollen. Es scheint mir nur eher hinderlich, quasi an dem Punkt erster Kontaktherstellung. Und meine Erfahrung ist, dass Menschen vollkommen anders wirken, wenn sie aktiver Teil strukturbildender Prozesse sind, als wenn sie sich einer Organisation anschließen. Entstehen nicht in offenen Räumen eher Dynamiken, die intensive Erfahrungen ermöglichen und kreative Potenziale freisetzen? Sind wir bereit für gegenseitige Lernprozesse? Uns im Kiez neu zu verwickeln?

Im Text wird eher von Verantwortlichkeiten (z.B. der Delegierten) geschrieben. Mir riechts bisi nach moralischem Druck, schuldiger Pflicht und erwartetem Konformismus unter den (potenziell) Mitstreitenden. Und Konformismus ist gewissermaßen eine gegenläufige Bewegung zur Autonomie. Plus: ist selbstbestimmte Übernahme von Verantwortung nicht insbesondere gekoppelt an Vertrauen? Um dieses aufzubauen, wäre nicht eher eine achtsame Haltung hilfreich, statt zu meinen, wir „politisieren sie und machen sie handlungsfähig“?

zeitschleifendes Organisieren…

Wahrscheinlich verbeiße ich mich zeitweise an begrifflichen Interpretationen. Aber glauben wir tatsächlich, wir öffnen uns einer Gesellschaft, Nachbarschaft, wenn wir buchstäblich mit Kampfbegriffen hantieren? Klingel ich bei meiner Nachbarin und frage: hast du Lust auf „revolutionäre Stadtteilarbeit“, auf „klassenkämpferische Politik von unten“, willst du dich vielleicht im „Kampffeld Mietenkämpfe“ „unter der Struktur ‚Hände weg vom Wedding’“ engagieren?

Ich denke, es ist auch unser Mangel, dass wir selten über Abwehrkämpfe – die als Anti-Haltung vermittelt werden – hinauskommen und wenig anzubieten haben an konkret greifbar-anzustrebenden Zielen. ‚Hände weg!‘ ist eine notwendige Warnung an die Herrschenden, klingt jedoch nicht wie eine Einladung an die Nachbarschaft zur kollektiven Gestaltung des Lebens im Kiez. Und an die kraftvolle Rhetorik anknüpfend, müssten wir nicht wenigstens eine Idee davon liefern, was denn der revolutionäre Gehalt unserer Stadtteilarbeit sein soll? Und entlang welcher Linien sich Klassenkämpfe, ein Klassenbewusstsein entwickeln können, wenn doch die Gruppe der Mieter*innen, wie die der neuen Faschos, sich ebenso wie auch patriarchale oder prekarisierende Strukturen quer zu gängigen Klassenanalysen verhalten?

Wir scheinen begrifflich wie in unserem kartoffelig-institutionalistischem Denken in Zeitschleifen gefangen zu sein. Wir denken in staatsförmigen Organisationsmustern, obwohl wir die Gefahren kennen: einerseits Machtverhältnisse zu reproduzieren und damit immer wieder auf gleiche Problemlagen zurückzufallen. Und andererseits vom System vereinnahmt zu werden und (nicht mehr aber auch nicht weniger als) aufmüpfige Sozialarbeit oder mittelloses Quartiersmanagement zu verrichten. Vollkommen unverständlich bleibt mir, wieso ohne Not wieder auf Repräsentation zurückgegriffen wird. Und auf Wahlen. Wenn wir den Anspruch haben, von „fortschrittlichen Kämpfen weltweit lernen“ zu wollen, können wir nicht wenigstens losen und mit kurzen Perioden ‚gehorchenden Regierens‘ experimentieren? Und wie verstehen wir ‚von unten‘, wenn schon der Rat „Vorschläge für die politische Theorie und Praxis entwickelt und an die Kommissionen weiterreicht“, welche doch die unterste Organisationsebene an der Basis sein soll? Bedeutete es nicht zunächst eher, eine Vollversammlung Inhalte und Verfahrensweisen gestalten zu lassen?

Statt politische Bildung anbieten zu wollen, täte uns soziale Selbstbildung gut. Wie sehen die Selbst-, Menschen- und Weltbilder in der Mehrheitsgesellschaft und im Kiez eigentlich aus? Wofür reichen denn die Vorstellungen, in welchen Bereichen vermögen wir unser Leben gemeinsam wieder in die eigenen Hände zu nehmen? Wie können wir verbindende Kollagen der Bilder kreieren, wie können wir Gestaltungskraft freisetzen? Praktische Antworten können dabei einzig die sogenannten Unorganisierten bieten, als aktiver Teil des fragend voranschreitenden Prozess‘ kollektiver Selbstermächtigung, der initial zuzünden ist. Der Anspruch auf ein zukünftig selbst-regiertes Kiezleben (wer will ‚revolutionäre Perspektive‘), sowie damit(!) einhergehende, organisatorisch-strukturelle Fragen, sind dabei selbstredend immer wieder ins Spiel zu bringen.

Zunächst einmal ist jedoch angesagt, den Fokus (vom Organigramm im Text ausgehend) auf die gepunktete Verbindungslinie zwischen den beiden großen Blöcken (Berlin Wedding – offene Angebote) links zu verschieben, wo bisher nur „Werbung/Anwerbung“ steht (wenn ich richtig lese). Und zwar nicht als funktionelles Verhältnis, sondern als sich verknüpfende Beziehungen: in denen gemeinsame Wünsche und Zielverständigungen, Wahrnehmungen und Sprachen gären, über welche Vertrauen und Verantwortung wachsen können.

Es braucht Reibung, Auseinandersetzung, um aus der Marginalität bewegungslinker Zirkel auszubrechen. Die Frage ist nicht: Was können wir für ’sie‘ tun, welche Strukturen anbieten, damit sie sich engagieren und wehren? Die Frage ist, was müssen wir an uns schaffen, um ein Gemeinsames überhaupt zu ermöglichen? Wie können wir die Standpunkte Anderer tatsächlich und mitfühlend anerkennen? Und auch einnehmen, um uns auf einem verbindenden battleground zu bewegen? Wie können wir unsere besserwissenden Politchecker-Reflexe eindämmen und uns mutig und neugierig auf offene Prozesse einlassen? Auf Kreativität im Handgemenge?

Das Beet ist bestellt, das ‚Kiezhaus‚ offen – zauberhafte Bedingungen geschaffen. An dieser Stelle ist Mut gefragt, es den Samen zu überlassen, die sich dort einpflanzen, wie sie ihr gemeinsames wachsen miteinander in Einklang bringen. Das wäre Aufpfropfen eines autonomen Politikverständnis‘, ein Versuch der Veredelung. Symbiotische Verhältnisse düngen, statt Unkraut vernichten. Keine Angst vor Parasiten. Plus: wir gleichzeitige Gärtner*innen und gewachsene Pflanzen sollten uns immer wieder selbst zurückstutzen, darauf achten, dass Sprösslinge nicht in unserem Schatten verkümmern.

Statt dem Irrglauben zu erliegen, was auch immer zu vernetzen, sollte nicht alles darauf angelegt werden, sich im Kiez zu verheddern? Das bedeutet, sich selber den Fallstricken sozialer Beziehungen mit ihren Überraschungen und Enttäuschungen auszuliefern. Und eben auch, dass die Netzstrukturen und Knotenpunkte erst dann auftreten können, wenn Bindungen sich bereits antasten, ein Gemeinsames in Ansätzen spürbar ist. Wo ‚Solidarität‘ nicht als Funktionsmechanismus einer (paternalistischen) Hilfestellung begriffen wird, sondern als (dem Konkurrenzprinzip entgegengestelltes) Erlebnis der Möglichkeit eines fürsorglichen, sozialen Miteinanders. Das auch in der Bewegungslinken verbreitete Effizienzdenken mag das als hippiesk und nicht zielführend abtun. Eine andere Organisierung bleibt jedoch ohne andere Beziehungen unmöglich. Das Dazwischen, die Bewegungen und Intensitäten sind die aufstandgebenden Faktoren. Verbundenheit nährt Widerspenstigkeit.

Mut zum Sprung…

Momentan scheinen unsere Nachbarschaftsbewegungen als ‚black box‘. Wir probieren dies und das, haben Erfolge oder nicht. Wieso wir am Ende allermeistens ‚unter uns‘ bleiben, davon wissen wir wenig. Vielleicht ist der ‚Gesellschaft des Spektakels‘ nur noch das alles absorbierende, monströse Spektakel ’schwarzes Loch‘ entgegenzusetzen. Zumal von denen, die Massenbewegung anstreben, haben doch schwarze Löcher die größte Massenanziehungskraft überhaupt. Aber im ernst: Schwarze Löcher krümmen an ihren Rändern Raum und Zeit – ebenso wie die Bewegung der Platzbesetzungen es vermochte, von der für Nachbarschafts-Organisierung viel zu lernen ist. Sie sind ein ewiges Kollabieren – wie wir es uns für alle Herrschaftssysteme wünschen. Und sie liegen am Rande unserer Vorstellungskraft – genau wie die Möglichkeitsräume eines guten Lebens.


Von: Yann Döhner