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An den realen Belangen der Menschen ansetzen

Interview: Vidar Lindstrøm & Gruppe klein-Nizza – Radikale Linke Würzburg

Ewig hat die deutsche Linke darüber diskutiert, wie man auf Corona und das staatliche Krisenmanagement reagieren soll, nachhaltige, praktische Konsequenzen hatte das aber bei den wenigsten Gruppen. Die wichtigen Ansätze der Nachbarschaftssolidarität wurden schnell wieder aufgegeben, weil nicht sofort ganz viele um Hilfe gebettelt haben. Jetzt werden sie dringender gebraucht denn je. Ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht immer bis zum perfekt diskutierten Strategiepapier warten sollte, sind die Lockdown Capitalism Demos in der Unterfränkischen Provinzhauptstadt Würzburg. Um mehr darüber zu erfahren und auch Genoss:innen anderswo eine Alternative zu Resignation und Stillstand aufzuzeigen, habe ich die Genoss:innen der Gruppe klein-Nizza – Radikale Linke Würzburg interviewt, die zu den Mitorganisierenden der Demonstrationen gehört. Es sollte um Corona und praktische linke Politik gehen. Es wurde ein Gespräch über linke Grundsätze, die es sich wieder anzueignen gilt.


Hallo Genoss:innen. Ihr kommt aus Würzburg, eine Stadt, die vermutlich spätestens 2012 auf der Landkarte der bundesdeutschen Linken erschien, als dort iranische Geflüchtete mit Hungerstreiks angefangen haben, das rassistische und menschenverachtende Asylsystem in die Öffentlichkeit zu ziehen. Erzählt doch mal was über eure Gruppe und über die Verhältnisse in der Stadt.

Anna:

Ja die Verhältnisse in Würzburg… In einer Erzkonservativen Studierenden- und Beamt:innenstadt ohne viel Industrie hatten es linke Ansichten natürlich nie besonders leicht. Das soll nicht heißen, dass es hier keine linke Geschichte gibt. Von der Räterepublik über den Kampf gegen den Hitler-Faschismus, Widerstand gegen Remilitarisierung und ja, auch ein Autonomes Zentrum gab es hier mal. Was uns aber in Würzburg fehlt ist eine Kontinuität.

Arthur:

Natürlich finden sich seit Jahrzehnten immer wieder junge Menschen zusammen, die sich gegen die Verhältnisse auflehnen. Aber viele dieser jungen Menschen werden älter, haben irgendwann fertig studiert oder sind schlicht genervt von diesem langweiligen Provinznest.

Antonio:

Ein großes Problem, das Leute zwingt von hier zu verschwinden, ist aber auch die Repression. In einer kleinen Stadt mit überschaubarer Szene ist es nicht möglich in der „Masse“ zu verschwinden. Wenn du dich hier auflehnst, landest du ziemlich schnell wegen jeder Kleinigkeit vor Gericht. Aber das brauchen wir euch in Nürnberg ja wohl nicht zu erzählen. Ich sag nur Anschreien von Bullen.

Anna:

Aber wir können auch feststellen, dass sich die letzten zehn Jahre richtig viel entwickelt hat und da wollen wir als GKN-RLW anknüpfen. Wir wollen mit einem klar formulierten Selbstverständnis die aktiven Menschen in Würzburg zusammenbringen, ohne alle paar Jahre wieder die gleichen Grundsatzdiskussionen führen zu müssen. Eben auch als Angebot an – für unsere Verhältnisse – Ältere, die sich aus dem ein oder anderen Grund aus der politischen Arbeit zurückgezogen hatten.

Antonio:

Ich finde auch, dass sich hier, trotz allen Widrigkeiten, wirklich etwas entwickelt hat. Wenn man sich anschaut, was heute alles an Gruppen und Strukturen in der Würzburger Linken existiert, ist das schon ein krasser Fortschritt zu den Zuständen vor z.B. 5 Jahren. Heute gibt es hier z.B. eine stabile Ortsgruppe von Ende Gelände, mit Schwarzlicht Würzburg ein linkes Medienkollektiv, das feministische Kollektiv MissMutig, Gegen_Gewalt als Bildungskollektiv und Ansprechstruktur bei (sexualisierter) Gewalt, eine Ortsgruppe der Seebrücke und mit FFF eine junge Klimabewegung. Und das sind nur die Strukturen, die es so vor 5 Jahren noch nicht gab.

Apropos Repression und Kontinuität, wie schaut es derzeit bei euch mit politischen Gefangenen aus, die Würzburger Justiz und der Staatsschutz scheinen recht arbeitsfreudig zu sein, wie man in den letzten Jahren so mitbekommen konnte.

Arthur:

Ja die Repressionsorgane bei uns sind in der letzte Zeit wieder sehr aktiv. Ein Prozesse in Verbindung mit unseren Demos steht bald an. Aktuell sitzen keine Genossen im Knast aber es gab und gibt immer wieder Leute die ihre Freiheit nur auf Bewährung genießen dürfen.

Anna:

Der letzte politische Gefangene bei dem wir versucht haben eine lokale Öffentlichkeit her zu stellen war Sami Solmaz. Er war während des Münchner Kommunisten Prozzeses (TKP/ML) einige Zeit in Würzburg eingesperrt. Aber das hatte ja erst mal nichts mit der Würzburger Justiz zu tun.

Antonio:

Auch in Würzburg gibt es Fälle von rassistisch motivierten Übergriffen durch die Cops und unverhältnismäßige Polizeieinsätze, beispielsweise gegen Jugendliche. Im Kontext von Demonstrationsgeschehen, z.B. gegen ESA-Aufmärsche und den Lockdown Capitalism Demos, kam es zu Polizeigewalt und sexualisierter Polizeigewalt, Anzeigen wegen Widerstand gegen Polizeibeamte und mehreren eingezogenen Handys aufgrund des Vorwurfs der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes und konstruierten Anzeigen wegen Verletzung der Infektionsschutzverordung.

Teilweise wurden gegen Personen, die nicht anwesend waren, Anzeigen gefertigt und ID-Behandlungen veranlasst. ID-Behandlungen auf dem Weg zu Demonstrationen sind uns auch bekannt. Genoss:innen waren von Wohnungsdurchsuchungen betroffen. Zu diesen Vorfällen finden sich Artikel beim linken Medienkollektiv Schwarzlicht Würzburg. Man kann den Würzburger Repressionsorganen vor allem im letzten Jahr eine erhöhte Aktivität bescheinigen was politische Repression angeht.

Seit Anbeginn der Corona-Pandemie tut sich die Linke schwer eine Position zu finden und besonders diese auch in der Praxis umzusetzen. In Würzburg hingegen gibt es seit Januar diesen Jahres regelmäßig Demonstrationen unter dem Motto „Lockdown Capitalism“. Organisiert werden sie wechselnd von verschiedenen linken Gruppen und mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Ihr seid teil davon, wie kam es zu dieser Initiative?

Arthur:

Es war natürlich auch in Würzburg so, dass es viel zu lange gedauert hat, unsere Position entschieden in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine riesige Unzufriedenheit und Wut auf die unfähigen Regierungen in Bund und Land war bei eigentlich allen von uns schon lange vorhanden. Dass die Regierung die Folgen der Pandemie auf dem Rücken der Armen und der Lohnabhängigen austrägt, war ja schon fast seit Beginn der Pandemie offensichtlich, genau wie die krasse Abwälzung der Verantwortung auf den privaten Bereich, während in der Wirtschaft fast alles weiterlaufen durfte wie gewohnt, bzw. sogar Milliarden an Staatshilfen an große Konzerne geflossen sind. Aber all das müssen wir ja in einem linken Magazin nicht nochmal herunterkauen.

Anna:

Die ganze Unzufriedenheit war ja bereits während des ersten Lockdowns greifbar. Während die Reichen in ihren riesigen Häusern mit großem Garten abhängen, sollten wir nach erledigter Arbeit in unseren kleinen Wohnungen ohne Balkon ausharren. Aber natürlich sitzen immer alle in demselben Boot.

Antonio:

Obwohl also auch hier schon lange ein Bewusstsein für diese Ungerechtigkeiten da war, waren wir lange nicht in der Lage, das auf die Straßen zu bringen. Uns war zwar bewusst, dass es gerade in Zeiten der Krise notwendig wäre, linke und solidarische Auswege zu präsentieren, aber wie ein Großteil der deutschen Linken, ist es auch bei uns nicht darüber hinausgekommen.

Anna:

Geändert hat sich das schließlich im Januar 2021. Vorher gab es schon eine Weile eine Vernetzung von Menschen aus verschiedenen politischen Zusammenhängen in Würzburg, die in der Krise eine linke Antwort auf der Straße bringen wollten. Die erste „Lockdown Capitalism“ Demo fand schließlich zeitgleich zu einer Demonstration in Berlin statt, von der wir auch das Motto übernommen hatten. Mit einer breiten Mobilisierung gingen wir mit einer für Würzburger Verhältnisse großen Anzahl an Leuten auf die Straße.

Würzburg ist eine katholisch geprägte und relativ wohlhabende Stadt, dennoch gibt es Armut, viele Arbeiter:innen und Migrant:innen. Die soziale Frage spielt also auch hier eine Rolle. Wie reagieren die Würzburger:innen auf die Demonstrationen, kann man sich in der Stadt gut mit den Beschränkungen arrangieren?

Arthur:

Auch wenn in einer Stadt wie Würzburg zurzeit keine krassen sozialen Unruhen zu erwarten sind, nehmen wir natürlich auch hier eine starke Unzufriedenheit mit den Beschränkungen bzw. der Art und Weise der Beschränkungen wahr. Niemand, der gezwungen ist, fünf Mal die Woche mit vollen Öffis zur Arbeit zu fahren, sich dann ab 21Uhr aber nicht mehr vor die eigene Haustür bewegen darf, wird diese Maßnahmen als gerecht oder schlüssig wahrnehmen. Genau da wollen wir ja auch ansetzen, wir wollen erklären, warum diese Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten kein Versagen der Politik sind, sondern schlicht notwendig, um das kapitalistische System so am laufen zu halten. Wir wollen erklären, warum wir dank Patentlogik, Verwertungsdruck im Gesundheitsbereich und Zerstörung unserer Umwelt überhaupt an diesem beschissenen Punkt stehen, und warum wir das alles hinter uns lassen müssen, um uns eine bessere Zukunft zu erkämpfen.

Anna:

Auch die direkten Reaktionen auf die Demonstrationen waren, vor Allem für Würzburger Verhältnisse, wirklich positiv, auch weit über unsere eigene Szene hinaus. Es gab einen ausführlichen Zeitungsartikel, in dem unsere Inhalte wirklich gut wiedergegeben wurden, wir bekamen mitunter unerwartet starken Zuspruch auf der Straße und die Beteiligung an den Demonstrationen ging vor Allem bei den ersten Demonstrationen weit über unsere eigentlichen Kreise hinaus. Dazu beigetragen hat sicher, dass uns auch die öffentliche Abgrenzung zu Querdenken gut gelungen ist. Es war allen klar, dass wir zwar entschieden gegen den politischen Umgang mit der Pandemie protestieren, diese dabei aber definitiv nicht leugnen oder verharmlosen wollen.

Rennt Querdenken bei euch auch offene Türen ein, wie z.B. in Niederbayern oder Stuttgart? Wie schaut der Umgang der Würzburger Linken damit aus?

Anna:

Solche Bewegungen zeigen uns schonungslos unsere Schwachstellen. Wenn wir es nicht schaffen der verständliche Verunsicherung der Menschen mit einleuchtenden Erklärungsversuchen zu begegnen, tun es andere mit ihren Erklärungen. Der beste Schutz gegen solche Bewegungen ist eine klassenkämpferische Linke, die in der Lage ist die Wut der Menschen zu bündeln. Einfach nur zu sagen, die Querdenken-Leute sind aus dem und dem Grund scheiße, reicht nicht aus. Wir müssen selber Angebote an unzufriedene machen und ihnen unsere Kritik an den Verhältnissen verständlich darlegen. Und das wurde versucht.

Arthur:

Man muss dazu auch anmerken, dass die Querdenken-Bewegung in der Würzburger Bevölkerung eher schlecht ankommt. Bei ihren Demonstrationen durch die Wohnviertel wurden sie regelmäßig von Anwohner:innen mit Musik gestört, angepöbelt, beleidigt und auch Katzenscheiße ist mal geflogen. Interessant ist, dass sich hierbei der “bürgerliche” Gegenprotest selbst, über z.B. Instagram organisiert hat, oder einfach spontan mal seine Wut rausgelassen hat. Seitdem die Querdenker:innen sich bei ihren Demos mehr auf die Innenstadt beschränken, werden sie leider hauptsächlich von Gegenprotest aus dem linken Spektrum begleitet, aber auch hier zeigen sich Passant:innen von der Coronaleugnerei eher unbegeistert.

Querdenken bedient recht offen rechte Narrative, antisemitische Darstellungen oder Holocaust-Relativierung sind keine Seltenheit. Als linksradikale Gruppe habt ihr euch auch dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus verschrieben. Ihr habt bereits einiges dazu gesagt, wie könnte ein sinnvoller Umgang der Linken mit Bewegungen wie Querdenken eurer Meinung nach ausschauen?

Antonio:

Eine linke Bewegung muss sich bewusst machen, dass verharmlosen und ignorieren, genauso wie reines Lächerlichmachen nicht zielführend und im schlimmsten Fall gefährlich sind. Witzige Aktionen gegen Querdenken sind wichtig und richtig. Genauso wichtig ist es aber, sich anzuschauen, wer da so mitläuft. In Würzburg z.B. war schon Thorsten Kokula vom “III.Weg” dabei, genauso wie Klaus Nicola Mathes, ein aktiver Neonazi aus Großlangheim. Diese sehen in dem Rassismus und Antisemitismus dieser Bewegung natürlich eine Basis. Ein weiteres Beispiel dafür wäre die Flyer- und Unterschriftenaktion des “III.Wegs” am Rande einer ESA-Demo. Das heißt, auch bei Querdenken braucht es Recherche, es braucht Widerspruch und Gegenprotest, es braucht Aufklärung in der Gesellschaft. 2017 beispielsweise wurden Aktivist:innen in Würzburg noch ausgelacht, als sie mit Aluhüten gegen ein Xavier Naidoo & Söhne Mannheims Konzert in der Posthalle protestierten. Heute weiß jede:r, dass Naidoo ein Verschwörungstheoretiker ist. Hier zeigt sich ganz klar ein Problem, nämlich die fehlende Relevanz linker Kritik in der Gesellschaft. Bietet eine linke Bewegung in einer Ausnahmesituation, wie der Covid-19 Pandemie, Antworten, Konzepte und Strategien in Kombination mit verständlicher Systemkritik, z.B. durch das Aufzeigen von Widersprüchen im kapitalistischen System, die für die Leute greifbar sind und entfernt sie sich dabei nicht von realen Belangen von Lohnabhängigen und Arbeitslosen, kann sie so auch gegen Bewegungen wie Querdenken agitieren und ihre gesellschaftliche Relevanz behaupten.

Also klassische Antifa-Arbeit gemischt mit wahrnehmbaren klassenpolitischen Positionen. Eigentlich ein Standard linker Politik, doch irgendwie scheint der vor Jahrzehnten verloren gegangen zu sein, viele sind dabei ihn sich wieder anzueignen. Ihr scheint diesen Versuch auch zu unternehmen, worauf sollte man besonders achten?

Anna:

Grundsätzlich ist ja gerade das, was unser Verständnis von Antifaschismus gegenüber einem bürgerlichen Antifaschismus abgrenzt, das Bewusstsein für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände aus denen dieser Faschismus heranwächst. Das Kapitalismus und Faschismus Hand in Hand gehen muss ja in antifaschistischen Gruppen in der Regel nicht diskutiert werden. Trotzdem wird Antifa-Arbeit oft “nur” zum Selbst- und Fremdschutz geführt, oftmals fühlt es sich so an als würden antifaschistische Gruppen als Feuerwehr immer da auftauchen und Faschisten bekämpfen wo die bürgerliche Gesellschaft diese mal wieder hat groß werden lassen. Es ist zweifellos absolut richtig und notwendig, antifaschistischen Selbst- und Fremdschutz zu leisten, trotzdem dürfen wir nicht dabei stehen bleiben, sondern müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Antifaschismus und der Kampf gegen Kapitalismus notwendigerweise zusammengehören. So wie wir z.B. praktisch versucht haben, den Protest gegen den lokalen Querdenken-Ableger mit sozialrevolutionären Demonstrationen mit eigenen Inhalten zu verknüpfen.

Antonio:

Wir wollen erreichen, dass Antifa nicht nur ein Lifestyle ist, also das Tragen von den einschlägigen Klamottenlabels, das Besuchen von linken Konzerten usw. Antifaschismus muss als Lebenseinstellung, als Selbstverständnis gelebt werden, nicht nur da wo es eine bequeme Freizeitbeschäftigung ist. Antifaschismus ist wie angesprochen kein Feuerwehreinsatz organisierter Gruppen, sondern das Bewusstsein über die Faschisierung der Gesellschaft und die konkreten alltäglichen Kämpfe überall da, wo sie dem:der Einzelnen bewusst werden. Zudem gilt es emanzipatorische Ansätze und Organisierung in der Gesellschaft zu unterstützen, zu fördern. Das heißt soziale Kämpfe, wie z.B. von Mieter:innen, Arbeiter:innen und Arbeitslosen, aber auch Menschen mit Behinderung mitzukämpfen.

Anna:

Gerade hier ist es auch wichtig in die Vergangenheit zu blicken, auf zurückliegende Kämpfe, die Antifaschismus und Klassenkampf verbunden haben. Dabei können wir vieles mitnehmen, sowohl an positiven Konzepten als auch an denen, die wir heute als gescheitert betrachten müssen.

Was die Pandemie angeht sind wir Linken viel im Zwiespalt. Einerseits sind wir für einen wissenschaftlich basierten Umgang mit der Pandemie, ohne fürchten zu müssen morgen den Job zu verlieren, weil der Betrieb mal Zwangspause macht. Andererseits sind wir im Jahr zwei der Pandemie, viele Rufe nach echten Einschränkungen, auch in der Wirtschaft, wie z.B. bei #ZeroCovid, scheinen für viele Menschen entweder komplett unrealistisch oder einfach zu spät und es läuft halt jetzt irgendwie. Denkt ihr wir können aus der Situation noch eine Stärkung der Menschen von unten schaffen, oder bleibt jetzt einfach Resignation gegenüber der Stärke der Herrschenden zurück?

Antonio:

Auch wenn es hart klingt, die links(radikale) Szene hat in den weitesten Teilen verpasst, angemessen auf die Krisensituation zu reagieren. Natürlich befanden wir uns mit Beginn der Pandemie in einer Situation der Unsicherheit und auch Angst. Aber diese Unsicherheiten und Angst wurden nicht überwunden, sie haben sich teilweise in Resignation und Konformismus umgewandelt. Zumindest eine anhaltende Lähmung war zu beobachten. Das Argument, es sei jetzt eh zu spät, ist in gewisser Weise ein Aufgeben. Die Situation ist klar eine andere als vor einem Jahr, aber darauf muss man auch seine Kritik anpassen. Es ist sehr positiv und wichtig, dass linke Strukturen gegen die Ausgangssperren auf die Straße gehen, aber wieso ist das jetzt der Punkt an dem alle aktiv werden. Gab es nicht bereits andere Ansatzpunkte und gibt es sie nicht auch jetzt?

Haben die vorherigen Maßnahmen uns nicht genug selbst betroffen? Eigentlich schwer vorzustellen. Auch die Wut, mit der am 1.Mai auf die Straßen gegangen wurde, ist positiv hervorzuheben. Vor allem auch in Bayern wurde in richtig vielen Städten mit ordentlich Wut im Bauch auf die Straße gegangen, in vielen anderen Städten zeigte sich eine lange nicht gesehene Konsequenz im Demonstrationsverhalten. Aber wieso erst am 1.Mai?

Ich würde dir zustimmen und das ähnlich sehen, ich würde auch sagen, dass sich eine große Trägheit eingeschlichen hat, die auch daher kommt, dass die ganzen alten Konzepte ständig scheitern und keiner mehr Lust hat das mitzumachen. Tendenziell kann man da schon zum Verzweifeln neigen, als dialektischer Materialist bin ich aber auch überzeugt davon, dass am Ende nicht der Zustand der radikalen Linken den Erfolg bemisst, sondern der Bewusstseinsstand und die Handlungsmacht der Arbeiterklasse. Das kann man zwar nicht messen, aber es kann sich sichtbar machen, in z.B. einem höheren Organisierungsgrad der Klasse und aller potentiell widerständigen Bevölkerungsteile, ums kurz zu machen, wie schaut eure mittelfristige Perspektive als Gruppe aus, wie denkt ihr sollten wir uns aufstellen?

Anna:

Wir wollen versuchen möglichst viele Menschen anhand ihrer realen Bedürfnisse organisieren. Die Kämpfe, mit denen unsere Klasse konfrontiert ist, die aber viel zu oft individuell ausgetragen werden. Den Leuten klar machen, dass wir es sind, die dieses System am laufen halten und deshalb auch die Kraft besitzen, ihre Ordnung lahm zu legen. Das wird weder einfach noch wird es schnell gehen. Es wird aber nicht nötig sein das Rad neu zu erfinden. Erfolgreiche Beispiele wie eine Verankerung in unsere Klasse und eine Organisierung dieser gelingen kann gibt es viele. Auf die sollte sich unser Fokus richten. Klar ist aber auch, dass wir einige festgefahrenen linke Reflexe und Handlungenmuster dafür überdenken müssen.

Antonio:

Das ist richtig, jedoch geht es nur Hand in Hand und dazu muss die radikale Linke einiges an Versäumnissen aufholen. Die Lohnabhängigen und das Surplusproletariat haben die Macht zur gesellschaftlichen Veränderung inne. Mit diesen gilt es zusammenzuarbeiten und die Emanzipation aus den aktuellen Zuständen zu erreichen. Der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus jedoch wurde von der Arbeiter:innenschaft getragen, ein “nie wieder” heißt also auch, sich dessen bewusst zu sein und dieses Potential als reale Gefahr anzuerkennen. Eine Arbeiter:innenbewegung ist nicht per se eine linke Bewegung.

Arhur:

Ich glaube auch nicht, dass es dazu notwendig ist, das Rad neu zu erfinden. Wir spüren ja selbst jeden Tag, was die realen Bedürfnisse unserer Klasse sind. Letztendlich muss es uns darum gehen, diese Erfahrungen, aber auch den Widerstand dagegen zu kollektivieren. Praktische Solidarität leben, sich gemeinsam wehren, die eigene Handlungsmacht zu entdecken und zu erweitern. Klar sind wir im Moment in Deutschland weit davon entfernt das System umzuwerfen, trotzdem sind die gesellschaftlichen Verhältnisse dynamisch und die Krisen und Konflikte spitzen sich auch hierzulande immer weiter zu. Und genau deshalb ist es auch in diesen aussichtslosen Zeiten wichtig und notwendig am Aufbau von solidarischen Strukturen und Gegenmacht zu arbeiten.

Ok, als letztes noch eine Frage, stellvertretend für alle die nicht schon nachgeschaut haben. Was hat es mit eurem Namen auf sich?

Anna:

Der Namen soll unseren lokalen Bezug klar stellen das hat jetzt nichts mit Lokalpatriotismus zu tun sondern ist schlicht unser Betätigungsfeld. Das Klein-Nizza ist Teil einer Grünanlagen im ansonsten fast vollständig durchkommerzialisierten Innenstadtbereich und damit ein anschaulicher Bezugspunkt unserer Vorstellung eines besseren Zusammenlebens. Ein Ort der bei den meisten Würzburger:Innen positive Gefühle wecken dürfte. Prinzipiell wäre natürlich auch mit dem Namen “radikale Linke Würzburg” bereits alles gesagt, allerdings wollten wir dem Missverständnis vorbeugen, als Vernetzungsplattform der radikalen Linken in Würzburg wahrgenommen zu werden, statt als eigenständige Gruppe.

Arthur:

Auf der anderen Seit wollen wir unsere Ziele aber auch nicht verschleiern. Wir organisieren uns um ein Grundsätzlich anderes Zusammenleben zu ermöglichen. Radikale Linke bringt das dann eben gut auf dem Punkt.

Ich bedanke mich herzlichst für das Interview und hoffe, dass man sich auch in Berlin, Hamburg und Co eure Worte zu Herzen nimmt.

Foto: Schwarzlicht Würzburg

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