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Antifa-Roman

29 | Isabella

Isabella, Marlenes Schwester, ahnt von all dem nichts, als sie an diesem Nachmittag über den Schulhof läuft. Auch die zwei blutunterlaufenen Augen von Hausmeister Weitzel, die ihr lüstern folgen, bemerkt sie nicht. Es ist einer jener Tage, an denen er schon ziemlich früh einen sitzen hat.

Tagsüber kann man Wodka saufen. Das riecht keiner. Und das merkt dann auch keiner. Und der Millner ist eh nicht da. Der ist unterwegs. Da kann ich auch mal einen kippen. Muss aber Wodka sein! Weil der nicht riecht. Hihi. Ich kenn‘ mich aus!

Jetzt steht er blöd da und glotzt der fünfzehnjährigen Isabella hinterher. Dummgeil leckt er sich die trockenen Lippen. Ein alter Tabakkrümel fällt zu Boden. Isabella ist hübsch und sehr weiblich. Sie trägt einen Jeansrock und eine weit geschnittene rosa Bluse. Es ist ein warmer Herbstnachmittag. Die Schule liegt verlassen da. Isabella verschwindet nichts ahnend im Keller. Dort steht der Münzkopierer. Sie ist allein.

Der Hausmeister schaut sich um. In seinem versoffenen Hirn beginnt eine schwachsinnige, aber brandgefährliche Geisterfahrt.

Du geiles Miststück. Jetzt gehörst du mir. Da unten ist niemand. Nur du. Und gleich noch ich. Jetzt bist du fällig. Jetzt nehme ich mir, was ich will!

Enthemmt greift er sich in den Schritt. Er ist wie von Sinnen, blind vor Neid und Wut. Er wankt zur Kellertreppe.

Isabella steht ahnungslos am Kopierer. Der Lärm überdeckt die leisen Geräusche des Hausmeisters, als er sich vorsichtig von hinten anschleicht. Blitzartig legt er ihr die Hand über den Mund und dreht ihr den Arm nach hinten.

„Keinen Mucks du Fotze oder ich bring dich um!“

Isabella ist wie versteinert. Als er sie umdreht, riecht sie seinen stinkenden Atem: Kippen und Alkohol. Sie würgt. Ihre Zunge schmeckt das Nikotin auf der faltigen Hand. Weitzel dünstet aus jeder Pore fettiges Essen, sauren Männerschweiß und alten Dreck aus.

„Hier unten hört dich niemand. Wenn du lieb bist, lasse ich dich am Leben.“

Isabella schluckt.

Ich bin allein. Die Tür ist geschlossen, die Schule leer. Ich habe keine Chance. Ihr Götter, steht mir bei.

Sie hat Angst. Todesangst.

Seine Hand schiebt sich unter ihre Bluse. Brutal drückt er ihre Brust. Seine Augen weiten sich, sein Gesichtsausdruck glänzt lüstern. Mit der zweiten Hand hält er ihren Arm noch immer im Polizeigriff. Isabella kann nichts tun. Weitzel zieht ihr die Bluse hoch. Sabbernd glotzt er auf ihren BH. Isabella muss gleich kotzen.

Dann grabscht er ihr zwischen die Beine. Hart, gefühllos, schmerzhaft. Er reißt an ihrem Slip. Die Beine knicken ihr weg, sie brüllt. Er dreht an ihrem Arm. Der Schmerz erstickt ihren Schrei. Weitzel grabscht weiter. Tränen laufen Isabella über das Gesicht. Es ist ekelhaft.

Dann beginnt Weitzel, sich an seiner Hose herumzunästeln.

„So, du Dreckstück. Jetzt wird geblasen.“

Der alte Widerling bekommt den Reißverschluss nicht herunter. Er klemmt.

Sie durchzuckt Hoffnung.

Reiß dich zusammen. Lass dir was einfallen.

Mit einem Mal ist sie hellwach. Weitzel hält noch immer ihren Arm auf dem Rücken, während er mit der anderen versucht, die Hose zu öffnen. Dann rutscht die fleckige Cordhose nach unten. Er trägt eine schmutzige Feinripp-Unterhose.

Isabella erkennt ihre Chance.

Tu es!

Ihre freie Hand stößt vor. Der Daumen bohrt sich in sein linkes Auge. Es fühlt sich weich an. Und feucht. Sie erschreckt. Weitzel brüllt. Und lässt sie los.

Nicht aufgeben Isabella, du hast nur eine einzige Chance! Zieh das jetzt durch!

Mit der rechten Faust schlägt sie Weitzel auf die Nase. Er reißt seine Hände nach oben, will aufstehen. Seine Beine sind von der Hose gefesselt. Er taumelt. Schreiend kippt er nach hinten.

Ich bin frei!

Sie rennt zur Tür, stößt sie auf und sprintet die Treppe nach oben. Sie erreicht den Schulhof. Weitzel kreischt ihr hinterher. Verzweiflung und Schmerz in der Stimme.

Ich habe es geschafft. Ich lebe. Ich muss weg.

Genau in diesem Moment kommen Weitzels Gehilfen um die Ecke. Alfred und Bernd sehen Isabella rennen und ihren Boss schreien.

„Bleib mal sofort stehen“, ruft Bernd, „da ist doch was faul.“ Sein Kumpel Alfred rast los und hält Isabella fest.

Oh nein, verdammte Scheiße!!!

Ihre Bluse ist offen, die Brüste fast nackt, ihr Gesicht tränenverschmiert.

„So ein paar Titten bekommt man nicht alle Tage umsonst in die Finger“, sagt Alfred und presst sie schmerzhaft. „Das ist doch was ganz Feines. Ne geile Bitch rennt läufig über den Hof. Schon mal von ’nem Arier durchgefickt worden?“

Seine Finger schieben den BH zu Seite.

„Finger weg, du Sau!“, brüllt Isabella heulend vor Scham und schlägt mit der freien Hand nach ihm. Doch Alfred weicht geschickt aus.

„Na, na, na, nicht so störrisch, du freche Fotze!“

Weitzel kommt humpelnd angelaufen. Seine Hände ziehen gerade den Reißverschluss zu. Blut läuft aus seinem Auge.

„Du dreckige Hure. Jetzt haben wir dich! Kommt Jungs, die nehmen wir uns zu dritt vor. Die kann was erleben!“

Isabellas Augen weiten sich vor Schreck. Sie schreit und tritt um sich. Doch gegen drei Männer hat sie keine Chance.

Plötzlich kommt ein alter Lieferwagen um die Ecke.

„Verdammt!“, brüllt Weitzel. „Das ist der Kümmeltürke, der die Putzschlampen abholt.“

Reflexartig lässt Alfred von Isabella ab.

Sie zögert keine Sekunde und rennt erneut los. Bevor die drei begreifen, was passiert, erreicht sie das Schulhoftor und läuft auf die Straße. Ein ankommender Bus öffnet seine Türen. Isabella springt hinein. Es ist ihr egal, wohin er fährt. Sie will nur noch weg. Entgeisterte Blicke starren sie an. Ihre Bluse ist noch immer geöffnet. Sie knöpft sie zu und holt ihr Handy raus. Marlene geht sofort dran. Isabella kann kein Wort sprechen, sondern heult und heult und heult.

Als die beiden Schwestern kurze Zeit später in der kleinen Wohnung auf dem Sofa sitzen, kann Marlene kaum glauben, was sie hört. Sie ist fassungslos. Verzweifelt versucht sie, Isabella zu beruhigen, streichelt sie, hält sie wie ein Kind im Arm. Schluchzend liegt die Jüngere auf ihrem Schoß. Sie wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Marlene wiegt sie sanft.

Sie ist voller Hass und Wut. „Das ist furchtbar!“, flüstert sie immer wieder vor sich hin. „Das dürfen wir nicht hinnehmen! Die Schweine müssen dafür bezahlen. Und sie werden dafür bezahlen, das schwöre ich.“

Trotz Trauer und Mitgefühl kann sie klar denken. In ihrem Kopf arbeitet es.

Hier kann nur einer helfen: René. Er weiß, wie man mit solchen Wichsern umgeht. Und er hat genug Mumm, um es dem Weitzel zu zeigen. René wird es nicht zulassen, dass diese Sauerei ungestraft bleibt. Das schreit nach Rache! Anzeigen bringt nichts. Aussage gegen Aussage. Und für die Scheiß-Gerichte ist ja auch nichts passiert … Isabella hätte keine Chance. Das müssen wir selber regeln.

Marlene lässt sich nichts anmerken. Isabella muss nicht wissen, dass sie René informieren wird.

Er wird tun, was getan werden muss.

Sie bringt Isabella ins Bett. Sie sei krank, sagte sie den Eltern. Sie sollen nichts von dem Vorfall erfahren.

Marlene trifft René an diesem Abend in einer Bar und erzählt. So viel hat sie von ihm schon gelernt, dass man gewisse Dinge nicht in der Wohnung oder übers Telefon bespricht: „Immer nur von Mund zu Ohr, Handy zuhause lassen, Ort neutral. Keine E-Mail, kein WhatsApp, kein Instagram!“ Als sie endet, sagt er nur einen Satz: „Ich regel‘ das. Auf meine Art. Der Weitzel fasst niemanden mehr ungefragt an. Das verspreche ich Dir. Um die beiden Nazis müsst ihr euch aber selber kümmern. Und kein Wort zu niemandem. Klar?!“

„Auch nicht zu Isabella?“

„Nein!“

„Und zu meinen fünf Freunden?“

„Die schon, die müssen sich ja was ausdenken gegen die beiden Nazi-Schweine!“

Marlene nickt.

„Aber sie müssen nicht wissen, wer das mit dem Weitzel macht. Mein Name tut auch für sie nichts zur Sache! Ich muss schnell handeln. Die müssen merken, dass es einen Zusammenhang gibt.“

Sie umarmt René.

„Danke!“

„Nein, das ist eine Selbstverständlichkeit!“

Hauptsache ihr macht auch euren Job, denkt er.